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SKANDALONS, CONTROVERSIES, OUTRAGES...

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The Peter Handke Controversy

From Pozarevac, Serbia, to the Comédie Française

by Gilles d'Aymery

(Swans - May 22, 2006) Peter Handke, perhaps the most preeminent and creative European playwright, novelist, poet, and essayist alive today, has recently been embroiled in a cultural scandal that involves character assassination (his) through ad hominem attacks and calumny, censorship by a faceless theatre bureaucrat, and the relentless abuse of the Parisian bien-pensants, those guard dogs of French palatial conformism. Like in America, getting out of the core political line in France leads to either being utterly ignored or, when famous, being dragged into the mud and punished for crime of lese-majesty. The confluence of intellectual cowardice, financial and strategic interests, and navel-gazing, backslapping inclinations of the salon bourgeoisie, serves the long-standing axiom that you better not challenge power. Do it at your own risk. You will pay the price. You will be ostracized.

Peter Handke, perhaps the most preeminent and creative European playwright, novelist, poet, and essayist alive today, has recently been embroiled in a cultural scandal that involves character assassination (his) through ad hominem attacks and calumny, censorship by a faceless theatre bureaucrat, and the relentless abuse of the Parisian bien-pensants, those guard dogs of French palatial conformism. Like in America, getting out of the core political line in France leads to either being utterly ignored or, when famous, being dragged into the mud and punished for crime of lese-majesty. The confluence of intellectual cowardice, financial and strategic interests, and navel-gazing, backslapping inclinations of the salon bourgeoisie, serves the long-standing axiom that you better not challenge power. Do it at your own risk. You will pay the price. You will be ostracized.

One of Handke's greatest plays, The Art of Asking (written in German in 1989 as "Die Kunst des Fragens" and translated in French in 1993), was scheduled by the French public theatre company, the Comédie Française, to be presented under the direction of Bruno Bayen (all the actors had been selected) at the theatre of the Vieux-Colombier, from January 17 to February 24, 2007, in Paris. The Comédie Française, since its creation in 1680 through the merger of two famous theatre companies, the Theatre of Guénégaud, the inheritor of Molière's company, and that of the Hôtel de Bourgogne, has always been, with a very short interruption during the French Revolution, a public theatre company. It is run by a general administrator -- currently Marcel Bozonnet -- with the advice of an administrative committee. On April 29, 2006, the left-of-center daily, Libération, reported that Marcel Bozonnet had decided to scrap the play after having read a snippet published on April 6, 2006 in the Nouvel Observateur, a weekly magazine published every Thursday -- another left-of-center publication. The snippet or blip -- called a sifflet (a "whistle") -- by the journalist Ruth Valentini read:

GO TO GILLES AYMERYS SITE

See: The Peter Handke Controversy
> From Pozarevac, Serbia, to the Comédie Française
by Gilles d'Aymery
http://www.swans.com/library/art12/ga209.html

Best,

====================


 

Handkes Beschuetzer

Oh je, die Kunst ist in Gefahr: Was der Heine-Preis offenbart

VON INA HARTWIG

Darueber, dass der Intendant der Comedie Française ungeschickt bis fahrlaessig handelte, als er das fuer naechstes Fruehjahr angesetzte Handke-Stueck Das Spiel vom Fragen oder Das sonore Land wieder vom Spielplan nahm, nachdem er eine malizioese Notiz ueber Peter Handkes Teilnahme an der Beerdigung von Slobodan Milosevic gelesen hatte, darueber braucht man nicht zu streiten. Marcel Bozonnet blieb der Einwand denn auch nicht erspart, Handkes Haltung zu Serbien sei doch seit etlichen Jahren sattsam bekannt. Er haette das Stueck gar nicht erst auf den Spielplan setzen duerfen, wenn er der Meinung sei, ein durch seine politischen Einlassungen desavouierter Schriftsteller habe in dem ehrwuerdigen Hause nichts zu suchen. Streiten muss man aber ueber die hoechst fragwuerdigen Folgen, die jene Entscheidung Bozonnets zeitigte, angefangen mit dem Protest sich solidarisierender Schriftstellerkollegen, hier finde =Zensur= statt; und gipfelnd in der Bekanntgabe, dass Peter Handke den angesehenen, mit 50 000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Duesseldorf erhalten werde.

Es waere naiv zu glauben, das eine - die Solidaritaetsbekundung von Schriftstellerkollegen, darunter der geschaetzten Elfriede Jelinek - habe mit dem anderen - dem Heine-Preis - nichts zu tun.

Literatur versus Spleen
Wann immer Peter Handke in den letzten Jahren ein Literaturpreis zugesprochen wurde, der Blaue-Salon-Preis oder der Siegfried-Unseld-Preis, da wurde die literarische Leistung des Autors betont und dessen abwegiger Serbien-Komplex diskret uebergangen. Diesmal ist es anders. Handkes literarische Leistungen werden direkt mit seinem politischen Spleen verquickt, dieser allerdings nicht als solcher kenntlich gemacht. In der Begruendung der Jury heisst es, seinen =poetischen Blick auf die Welt= setze Handke =ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung.= Im uebrigen verfolge Handke =eigensinnig wie Heine= den Weg zu einer =offenen Wahrheit=. Wenn hier ein Wort treffend gewaehlt wurde, dann das Adverb =ruecksichtslos=. Der Rest ist Klitterung.

=Der Autor koennte die Heine-Summe doch jenen darbenden Serben spenden, von denen er so haeufig spricht=, polemisiert die Balkan-Expertin Caroline Fetscher im gestrigen Tagesspiegel. Und in der Welt meint Hans Christoph Buch, Handkes =politischer Amoklauf=, sein =megalomaner Geltungsdrang=, wuerden von der Duesseldorfer Jury offenbar =mit Mut verwechselt=. Inzwischen haben sich sogar einige Jury-Mitglieder von der Wahl Handkes distanziert; sie seien von der Jurorin Sigrid Loeffler in die Enge getrieben worden. Eine Jury, die nicht einmal nach aussen geschlossen zu ihrer Entscheidung steht, wie peinlich, wie peinvoll.

Kuenstlerselbstrettungsaktion
Wichtiger aber ist die Frage: Warum lassen sich ausgerechnet so exzeptionelle Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Patrick Modiano und Josef Winkler auf eine Solidaritaetsadresse fuer Handke ein, obwohl zu ihren Gunsten doch anzunehmen ist, dass sie ueber die befremdlichen Worte und Taten ihres Kollegen Bescheid wissen? Koennen sie wirklich gutheissen, was Handke am Grab Milosevics gesagt hat, eines Mannes immerhin, der vor einem internationalen Strafgericht der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt war? =Ich kenne die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich hoere zu. Ich fuehle mit. Ich erinnere mich. Deshalb bin ich heute hier, an der Seite Jugoslawiens, an der Seite Serbiens, an der Seite Slobodan Milosevics.=

Diese Selbstbeweihraeucherung Handkes muesste doch auch eine Jelinek, einen Modiano und einen Winkler befremden, um nur diese drei zu nennen. Doch wird im Gegenteil der Kuenstler von den Kuenstlern blind in Schutz genommen, nur weil ein selbstgefaelliger Pariser Intendant sich unmoeglich gemacht hat. Im Kern geht es den Unterzeichnern offenbar um die schoene, ergreifende Phantasie, die Kunst sei in Gefahr und muesse heroisch verteidigt werden. Handke wirft ja sogar den ihm verhassten westlichen Medien einen Mangel an Poesie vor. In diesem einen Punkt ist Marcel Bozonnet zuzustimmen: Handke betreibt =Desinformation=. Dass der oesterreichische Schriftsteller, der sich gerade in juengster Zeit ueber enthusiastische Rezensionen seiner Buecher (auch in der FR) nicht beklagen kann, =boykottiert und zensiert= werde, wie es in jener Solidaritaetsadresse heisst, ist eine alberne Behauptung. Unlaengst war Handke im frueheren Jugoslawien mit dem Bus unterwegs. Der Bus wurde in einen Unfall verwickelt. ueber die Ticker lief die Meldung, der Schriftsteller sei unverletzt. Das ist es: Ihm passiert einfach nichts. Er bekommt nur bedeutende Preise.

============

Im Herbst der Worte

Handke erntet Widerspruch

VON MARTINA MEISTER

Er nennt es den =Fruehling der Worte=. Das Ende der verbalen Kriegstreiberei. Peter Handke hofft, so bringt er es in einem Gastbeitrag in der franzoesischen Zeitung Liberation zum Ausdruck, dass ausgeloest durch die Debatte um die Absetzung seines Stueckes an der Comedie Française endlich =anders= gesprochen werde. Dass =ueberhaupt gesprochen= werde, ueber das, was er immer noch =Jugoslawien= nennt. Das Gebell, an dem er sich selbst beteiligt hat, soll also aufhoeren. Er sieht eine Bresche in die Sprache geschlagen. Man darf uebersetzen: Wir Journalisten, Verwalter und Einpeitscher des Hasses, Schlammfedern und Giftschlammschmeisser, koennten endlich zu ihm finden.

Derweil spaltet sich die oeffentlichkeit weiter: Nach dem Manifest, mit dem Elfriede Jelinek und andere die Zensur des Intendanten und die =systematische aechtung= Handkes in Frankreich kritisierten, haben sich 150 Kuenstler und Intellektuelle dem Regisseur Olivier Py angeschlossen, der den Intendanten der Comedie Française, Marcel Bazonnet, unterstuetzt: =Die Meinungsfreiheit zwingt keinen Theaterdirektor, kriminellen Ideologien Raum zu geben, die der Demokratie und den Menschenrechten zuwider laufen.=

Handke sagte, am Grab von Milosevics, er wisse die Wahrheit nicht. Er schaue, er hoere, er fuehle. Er fuehle sich nah: =nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic.= Diese Naehe ist auch eine Form von Wahrheit. Handkes wortlose Wahrheit des Koerpers. Sein Beitrag =Sprechen wir endlich ueber Jugoslawien= ist ein Plaedoyer fuer sie. Er will entschuldigen: Die Serben seien nicht die allein Schuldigen.

Handke hat Recht. Und Unrecht zugleich. Er hat Recht, wenn er Licht auf vergessenes Leid lenken will, weil die Scheinwerfer der Geschichte auf anderes scheinen. Weil oft an das Massaker von Srebrenica erinnert wird, selten an das von Kravica. Unrecht hat er, wenn er unterschlaegt, dass in Srebrenica nicht 80, sondern 8000 Menschen starben.

Handke wuerde die Algebra des Krieges natuerlich verweigern. Aber genau diese wendet er selbst an: Er will die Schuld des Henkers erleichtern, indem er das Gewicht anderer Verbrechen mit in die Waagschale wirft. Handke will vor allem die Sprache reinigen: Er moechte, dass wir die Worte Revisionismus, Apartheid und Blutdiktatur in diesem Zusammenhang aus unserem Vokabular streichen und dass wir nicht laenger als Konzentrationslager bezeichnen, was er =untolerierbare Lager= nennt.

Wir wuerden ihm, dem Dichter, gern den Gefallen tun, weil er ein grosser Sprachzauberer ist. Aber wir koennen dem Propagandisten unmoeglich Recht geben. Wir weigern uns falsche Wahrheiten durch noch falschere zu ersetzen. =Hoeren wir auf=, fordert Handke, =Slobodan Milosevic mit Adolf Hitler zu vergleichen.= Nennen wir ihn beim Namen: Milosevic war ein Kriegsverbrecher. Auch wenn das der traurige Herbst der Worte waere. Welk, aber wahr.

Zu Herrn Spiegel's Artikel ueber die Heine Preis Verleihung an Peter Handke moechte ich nur bemerken, dass Handke nie etwas verleugnet hat, aber ehrlich genug war in der WINTERLICHEN REISE zuzugeben den Impuls zum Verneinen zu haben. Ausserdem scheint er sich zu weigern immer mit der selben Sprache in die selbe Kerbe zu hacken. Ob der schlimme Milo eine tragische historische Figur war/ ist, bin ich nicht in der Lage zu beurteilen: dafuer war die westliche Berichterstattung, besonders in der USA, viel zu oberflaechlich, um nur dieses unter vielen anderen Schimpfwoertern zu benutzen. Es scheint, dass kein Schwein, nicht mal sogennante Literaten noch lesen koennen ausser dass ihr ueberschwang an Selbstgerechtigkeit und angebliches Mitgefuehl fuer die Opfer ihnen die eigene Scheuklappen fabriziert. Was einen stoeren koennte, waere Handke's Exhibitionismus, aber haetten er den nicht samt Ambition gebe es auch nicht das wahrhaft grosse Werk. 's a Skandal, das Leben. Die Gabriele von Arnim, der angeheiraten Kousine, mit der muss ich mal darueber naeher mich unterhalten. Dass der Vollidiot Reich-Ranicki sich im selben Spiegel spiegelt wir Hubert Spiegel, wundert mich kaum.

MICHAEL ROLOFF

  


auserkoren, den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu erhalten, als ein Autor, der „eigensinnig wie Heinrich Heine= den „Weg zu einer offenen Wahrheit= verfolge, da er „den poetischen Blick auf die Welt (...) ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale= setze. Ja, es geht um denselben Handke, der kuerzlich in Serbien am Grab des Massenmoerders Milosevic verkuendete, er fuehle sich „ihm nah=. Serbische Intellektuelle erschraken. Gewiss sei der fruehe Handke, so der serbische Schriftsteller Bora Cosic, ein bedeutender Dichter gewesen, politisch habe sich der Autor jedoch fuerchterlich verirrt, als er „ohne Vorbehalt das arrogante, faschistische Regime von Milosevics Serbien unterstuetzte=. Nach Handkes Auftritt am Grab nahm die Pariser Comedie Française im April sein Drama „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land= aus dem Spielplan fuer 2007.

Nun also Duesseldorf. Den Heine-Preis erhalten seit 1972 „Persoenlichkeiten, die den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten=, darunter Carl Zuckmayer, Max Frisch und Elfriede Jelinek. Unlaengst stockte man das Preisgeld von 25000 Euro auf 50 000 auf – Steuergelder, die in Handkes Tasche fliessen sollen. Wie kommt so etwas zustande? 17 Autorendossiers lagen der Jury vor, der neben Sigrid Loeffler auch Julius Schoeps, Christoph Stoelzl, Gabriele von Arnim und hochrangige Vertreter der Stadt angehoeren. Die gruene Duesseldorfer Ratsfrau Marit von Ahlefeld erklaert jetzt: „Ich stehe nicht hinter dem Entschluss, meine Kandidatin war Irene Dische.= Ungluecklich ist auch Schoeps: „Mir ging es um Amos Oz.= Viele scheinen sich auf der Sitzung ueberfahren oder ueberfordert gefuehlt zu haben. Reumuetig erklaert ein weiteres Jurymitglied, Loeffler habe Handke mit derart beharrlichem Trommelwirbel als „Weltliterat= gepriesen, bis die anderen muerbe wurden. „Ich selbst verstehe ja wenig von der Materie=, raeumt einer ein. „Was Handke auf der Beerdigung gesagt hat, weiss man doch nicht so genau=, verteidigt sich ein anderer. Wenigstens koenne man ja der Preisverleihung am 13. Dezember fern bleiben, troestet sich ein Jurymitglied.

Handke indes, dessen Kasse ein wenig klamm sein soll, da viele Buchhaendler ihn boykottieren, freut sich ueber den Preis. Vergessen scheint, dass Suhrkamp vor drei Jahren bekannt gab, er werde fortan keine Preise mehr annehmen. Vorschlag zur Guete: Der Autor koennte die Heine-Summe doch jenen darbenden Serben spenden, von denen er so haeufig spricht. Zu analysieren bleibt die zentrale Frage nach dem Ethos deutscher Kultureliten, nach deren Empathieferne oder horrender Nonchalance, auch und gerade, wo es um Macht, Geld und Preise geht. Caroline Fetscher

 


Preis fuer Peter Handke
Heine wird verhoehnt
Von Hubert Spiegel


26. Mai 2006 Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar. Das liegt in der Natur der Sache. Man kann in aller Regel bestens darueber streiten, ob ein Autor die ihm zugesprochene Auszeichnung verdient oder auch nicht verdient hat, und dieser Streit gehoert zu den ewigen Ritualen des literarischen Lebens. Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu vergeben hatte, kann diese Routine nicht fuer sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung, Peter Handke auszuzeichnen, faellt nicht nur aus dem Rahmen des ueblichen, sie ist unerhoert.

Als unlaengst Marcel Bozonnet, der Direktor der angesehenen Comedie Francaise sich weigerte, Handkes Stueck „Das Spiel vom Fragen= in seinem Haus auf die Buehne zu bringen, sprachen manche Kommentare von einem Akt der Zensur. Mehr als hundert franzoesische Schriftsteller und Intellektuelle sahen das anders und unterstuetzen die Entscheidung des Intendanten in einem offenen Brief. Und von Zensur konnte tatsaechlich keine Rede sein, denn ueber den Spielplan zu entscheiden, ist Recht und Pflicht der Intendanz.

Grundregel des Diskurses verletzt

Das staerkste Argument gegen die von Bozonnet verhaengte Boykottmassnahme, denn um nichts anderes handelt es sich, ist Handkes Stueck selbst: Es hat mit den politischen Ansichten seines Autors zum Balkan-Krieg nichts zu tun. Bozonnet hat denn auch nie behauptet, dass der Inhalt des Stueckes seine Entscheidung beeinflusst habe. Deshalb muss der Intendant sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er eine Grundregel des aesthetischen Diskurses verletzt hat. Die Regel besagt, dass Kunstwerke nicht ohne weiteres fuer die politischen ueberzeugungen ihrer Schoepfer haftbar gemacht werden duerfen.

Bei der Duesseldorfer Entscheidung verhaelt sich die Sache indes vollkommen anders. Denn der Heine-Preis ist keine rein literarische Auszeichnung, und er wird nicht fuer ein literarisches oder poetisches Gesamtwerk vergeben. In der Pressemitteilung der Stadt ist zu lesen: „Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes ,Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten'.=

Kurze Begruendung

Will die Jury also allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmoerders Milosevic habe der Voelkerverstaendigung gedient? Verbreitet die Schamlosigkeit, mit der Handke die serbischen Verbrechen beschoenigt und die ethnischen Saeuberungen geleugnet hat, die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen? Die Begruendung der Jury ist kurz, zwei Saetze sind es nur: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.= Handke hat Milosevic als „Opfer der Geschichte= bezeichnet und, wie Bernhard-Henri Levy juengst in Erinnerung gerufen hat, das Leid der Serben fuer groesser erklaert „als jenes der Juden in der Nazizeit=. Sieht so Eigensinn in der Tradition Heines aus?

Marcel Reich-Ranicki ist nicht dieser Ansicht: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empoerende Beleidigung und Verhoehnung des Dichters Heine=, sagte der Literaturkritiker im Gespraech. Die Publizistin Alice Schwarzer hat erklaert, sie glaube, dass Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert= haette.

Teile der Jury distanzieren sich

Diese Spekulation ist wohlfeil. Die Einschaetzung der Jury-Entscheidung darf nicht an den toten Heine delegiert werden, es muessen sich schon die Zeitgenossen der Unbequemlichkeit unterziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass Politiker wie der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Konrad Busek, oder der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Bundestag die Vergabe eines Literaturpreises kommentieren, ist ebenso ungewoehnlich wie der Umstand, dass sich Teile der Jury, der neben Vertretern der Stadt Duesseldorf unter anderen Sigrid Loeffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stoelzl und Gabriele von Arnim angehoeren, bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darueber gesprochen, dass sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden haetten, darunter Amos Oz und Irene Dische. Laut Berliner „Tagesspiegel= erwaegt ein Jurymitglied, der Preisverleihung im Dezember fernzubleiben.

Niemand will den Schriftsteller Peter Handke aechten, seine Stuecke sollen gespielt, seine Buecher sollen gedruckt und diskutiert werden. All das ist selbstverstaendlich und muss es bleiben. Aber die Duesseldorfer Entscheidung ist verstoerend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschaedigen.

Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP

====

Duesseldorf/Wien - Der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Exvizekanzler Erhard
Busek (oeVP), kritisierte die Stadt Duesseldorf, die am Dienstag bekannt
gegeben hatte, Peter Handke mit dem Heine-Preis (mit 50.000 Euro zaehlt er zu
den drei hoechstdotierten deutschen Literaturpreisen) auszuzeichnen: =Ich
halte die Entscheidung fuer sehr problematisch. Man beleidigt damit die
vielen Toten=, so Busek gegenueber der Rheinischen Post.



Auch der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Deutschen Bundestag,
Ruprecht Polenz (CDU), sowie der Vorsitzende des Kulturausschusses,
Hans-Joachim Otto (FDP), aeusserten sich kritisch. Emma-Chefredakteurin Alice
Schwarzer hingegen verteidigte die Entscheidung: =Handkes Mut haette Heine
vermutlich beeindruckt.= Sie spielte damit auf die Begruendung der Jury an,
die gemeint hatte, Handke verfolge eigensinnig wie Heinrich Heine den Weg zu
einer =offenen Wahrheit= und setze seinen poetischen Blick auf die Welt
ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung. (trenk, APA /DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 26.5.2006)



http://derstandard.at/?id=2456875

Handkes Beschuetzer

Oh je, die Kunst ist in Gefahr: Was der Heine-Preis offenbart

VON INA HARTWIG

Darueber, dass der Intendant der Comedie Française ungeschickt bis fahrlaessig handelte, als er das fuer naechstes Fruehjahr angesetzte Handke-Stueck Das Spiel vom Fragen oder Das sonore Land wieder vom Spielplan nahm, nachdem er eine malizioese Notiz ueber Peter Handkes Teilnahme an der Beerdigung von Slobodan Milosevic gelesen hatte, darueber braucht man nicht zu streiten. Marcel Bozonnet blieb der Einwand denn auch nicht erspart, Handkes Haltung zu Serbien sei doch seit etlichen Jahren sattsam bekannt. Er haette das Stueck gar nicht erst auf den Spielplan setzen duerfen, wenn er der Meinung sei, ein durch seine politischen Einlassungen desavouierter Schriftsteller habe in dem ehrwuerdigen Hause nichts zu suchen. Streiten muss man aber ueber die hoechst fragwuerdigen Folgen, die jene Entscheidung Bozonnets zeitigte, angefangen mit dem Protest sich solidarisierender Schriftstellerkollegen, hier finde =Zensur= statt; und gipfelnd in der Bekanntgabe, dass Peter Handke den angesehenen, mit 50 000 Euro dotierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt Duesseldorf erhalten werde.

Es waere naiv zu glauben, das eine - die Solidaritaetsbekundung von Schriftstellerkollegen, darunter der geschaetzten Elfriede Jelinek - habe mit dem anderen - dem Heine-Preis - nichts zu tun.

Literatur versus Spleen
Wann immer Peter Handke in den letzten Jahren ein Literaturpreis zugesprochen wurde, der Blaue-Salon-Preis oder der Siegfried-Unseld-Preis, da wurde die literarische Leistung des Autors betont und dessen abwegiger Serbien-Komplex diskret uebergangen. Diesmal ist es anders. Handkes literarische Leistungen werden direkt mit seinem politischen Spleen verquickt, dieser allerdings nicht als solcher kenntlich gemacht. In der Begruendung der Jury heisst es, seinen =poetischen Blick auf die Welt= setze Handke =ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung.= Im uebrigen verfolge Handke =eigensinnig wie Heine= den Weg zu einer =offenen Wahrheit=. Wenn hier ein Wort treffend gewaehlt wurde, dann das Adverb =ruecksichtslos=. Der Rest ist Klitterung.

=Der Autor koennte die Heine-Summe doch jenen darbenden Serben spenden, von denen er so haeufig spricht=, polemisiert die Balkan-Expertin Caroline Fetscher im gestrigen Tagesspiegel. Und in der Welt meint Hans Christoph Buch, Handkes =politischer Amoklauf=, sein =megalomaner Geltungsdrang=, wuerden von der Duesseldorfer Jury offenbar =mit Mut verwechselt=. Inzwischen haben sich sogar einige Jury-Mitglieder von der Wahl Handkes distanziert; sie seien von der Jurorin Sigrid Loeffler in die Enge getrieben worden. Eine Jury, die nicht einmal nach aussen geschlossen zu ihrer Entscheidung steht, wie peinlich, wie peinvoll.

Kuenstlerselbstrettungsaktion
Wichtiger aber ist die Frage: Warum lassen sich ausgerechnet so exzeptionelle Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Patrick Modiano und Josef Winkler auf eine Solidaritaetsadresse fuer Handke ein, obwohl zu ihren Gunsten doch anzunehmen ist, dass sie ueber die befremdlichen Worte und Taten ihres Kollegen Bescheid wissen? Koennen sie wirklich gutheissen, was Handke am Grab Milosevics gesagt hat, eines Mannes immerhin, der vor einem internationalen Strafgericht der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt war? =Ich kenne die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich hoere zu. Ich fuehle mit. Ich erinnere mich. Deshalb bin ich heute hier, an der Seite Jugoslawiens, an der Seite Serbiens, an der Seite Slobodan Milosevics.=

Diese Selbstbeweihraeucherung Handkes muesste doch auch eine Jelinek, einen Modiano und einen Winkler befremden, um nur diese drei zu nennen. Doch wird im Gegenteil der Kuenstler von den Kuenstlern blind in Schutz genommen, nur weil ein selbstgefaelliger Pariser Intendant sich unmoeglich gemacht hat. Im Kern geht es den Unterzeichnern offenbar um die schoene, ergreifende Phantasie, die Kunst sei in Gefahr und muesse heroisch verteidigt werden. Handke wirft ja sogar den ihm verhassten westlichen Medien einen Mangel an Poesie vor. In diesem einen Punkt ist Marcel Bozonnet zuzustimmen: Handke betreibt =Desinformation=. Dass der oesterreichische Schriftsteller, der sich gerade in juengster Zeit ueber enthusiastische Rezensionen seiner Buecher (auch in der FR) nicht beklagen kann, =boykottiert und zensiert= werde, wie es in jener Solidaritaetsadresse heisst, ist eine alberne Behauptung. Unlaengst war Handke im frueheren Jugoslawien mit dem Bus unterwegs. Der Bus wurde in einen Unfall verwickelt. ueber die Ticker lief die Meldung, der Schriftsteller sei unverletzt. Das ist es: Ihm passiert einfach nichts. Er bekommt nur bedeutende Preise.

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Im Herbst der Worte

Handke erntet Widerspruch

VON MARTINA MEISTER

Er nennt es den =Fruehling der Worte=. Das Ende der verbalen Kriegstreiberei. Peter Handke hofft, so bringt er es in einem Gastbeitrag in der franzoesischen Zeitung Liberation zum Ausdruck, dass ausgeloest durch die Debatte um die Absetzung seines Stueckes an der Comedie Française endlich =anders= gesprochen werde. Dass =ueberhaupt gesprochen= werde, ueber das, was er immer noch =Jugoslawien= nennt. Das Gebell, an dem er sich selbst beteiligt hat, soll also aufhoeren. Er sieht eine Bresche in die Sprache geschlagen. Man darf uebersetzen: Wir Journalisten, Verwalter und Einpeitscher des Hasses, Schlammfedern und Giftschlammschmeisser, koennten endlich zu ihm finden.

Derweil spaltet sich die oeffentlichkeit weiter: Nach dem Manifest, mit dem Elfriede Jelinek und andere die Zensur des Intendanten und die =systematische aechtung= Handkes in Frankreich kritisierten, haben sich 150 Kuenstler und Intellektuelle dem Regisseur Olivier Py angeschlossen, der den Intendanten der Comedie Française, Marcel Bazonnet, unterstuetzt: =Die Meinungsfreiheit zwingt keinen Theaterdirektor, kriminellen Ideologien Raum zu geben, die der Demokratie und den Menschenrechten zuwider laufen.=

Handke sagte, am Grab von Milosevics, er wisse die Wahrheit nicht. Er schaue, er hoere, er fuehle. Er fuehle sich nah: =nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic.= Diese Naehe ist auch eine Form von Wahrheit. Handkes wortlose Wahrheit des Koerpers. Sein Beitrag =Sprechen wir endlich ueber Jugoslawien= ist ein Plaedoyer fuer sie. Er will entschuldigen: Die Serben seien nicht die allein Schuldigen.

Handke hat Recht. Und Unrecht zugleich. Er hat Recht, wenn er Licht auf vergessenes Leid lenken will, weil die Scheinwerfer der Geschichte auf anderes scheinen. Weil oft an das Massaker von Srebrenica erinnert wird, selten an das von Kravica. Unrecht hat er, wenn er unterschlaegt, dass in Srebrenica nicht 80, sondern 8000 Menschen starben.

Handke wuerde die Algebra des Krieges natuerlich verweigern. Aber genau diese wendet er selbst an: Er will die Schuld des Henkers erleichtern, indem er das Gewicht anderer Verbrechen mit in die Waagschale wirft. Handke will vor allem die Sprache reinigen: Er moechte, dass wir die Worte Revisionismus, Apartheid und Blutdiktatur in diesem Zusammenhang aus unserem Vokabular streichen und dass wir nicht laenger als Konzentrationslager bezeichnen, was er =untolerierbare Lager= nennt.

Wir wuerden ihm, dem Dichter, gern den Gefallen tun, weil er ein grosser Sprachzauberer ist. Aber wir koennen dem Propagandisten unmoeglich Recht geben. Wir weigern uns falsche Wahrheiten durch noch falschere zu ersetzen. =Hoeren wir auf=, fordert Handke, =Slobodan Milosevic mit Adolf Hitler zu vergleichen.= Nennen wir ihn beim Namen: Milosevic war ein Kriegsverbrecher. Auch wenn das der traurige Herbst der Worte waere. Welk, aber wahr.

Zu Herrn Spiegel's Artikel ueber die Heine Preis Verleihung an Peter Handke moechte ich nur bemerken, dass Handke nie etwas verleugnet hat, aber ehrlich genug war in der WINTERLICHEN REISE zuzugeben den Impuls zum Verneinen zu haben. Ausserdem scheint er sich zu weigern immer mit der selben Sprache in die selbe Kerbe zu hacken. Ob der schlimme Milo eine tragische historische Figur war/ ist, bin ich nicht in der Lage zu beurteilen: dafuer war die westliche Berichterstattung, besonders in der USA, viel zu oberflaechlich, um nur dieses unter vielen anderen Schimpfwoertern zu benutzen. Es scheint, dass kein Schwein, nicht mal sogennante Literaten noch lesen koennen ausser dass ihr ueberschwang an Selbstgerechtigkeit und angebliches Mitgefuehl fuer die Opfer ihnen die eigene Scheuklappen fabriziert. Was einen stoeren koennte, waere Handke's Exhibitionismus, aber haetten er den nicht samt Ambition gebe es auch nicht das wahrhaft grosse Werk. 's a Skandal, das Leben. Die Gabriele von Arnim, der angeheiraten Kousine, mit der muss ich mal darueber naeher mich unterhalten. Dass der Vollidiot Reich-Ranicki sich im selben Spiegel spiegelt wir Hubert Spiegel, wundert mich kaum.

MICHAEL ROLOFF

  


auserkoren, den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu erhalten, als ein Autor, der „eigensinnig wie Heinrich Heine= den „Weg zu einer offenen Wahrheit= verfolge, da er „den poetischen Blick auf die Welt (...) ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale= setze. Ja, es geht um denselben Handke, der kuerzlich in Serbien am Grab des Massenmoerders Milosevic verkuendete, er fuehle sich „ihm nah=. Serbische Intellektuelle erschraken. Gewiss sei der fruehe Handke, so der serbische Schriftsteller Bora Cosic, ein bedeutender Dichter gewesen, politisch habe sich der Autor jedoch fuerchterlich verirrt, als er „ohne Vorbehalt das arrogante, faschistische Regime von Milosevics Serbien unterstuetzte=. Nach Handkes Auftritt am Grab nahm die Pariser Comedie Française im April sein Drama „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land= aus dem Spielplan fuer 2007.

Nun also Duesseldorf. Den Heine-Preis erhalten seit 1972 „Persoenlichkeiten, die den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten=, darunter Carl Zuckmayer, Max Frisch und Elfriede Jelinek. Unlaengst stockte man das Preisgeld von 25000 Euro auf 50 000 auf – Steuergelder, die in Handkes Tasche fliessen sollen. Wie kommt so etwas zustande? 17 Autorendossiers lagen der Jury vor, der neben Sigrid Loeffler auch Julius Schoeps, Christoph Stoelzl, Gabriele von Arnim und hochrangige Vertreter der Stadt angehoeren. Die gruene Duesseldorfer Ratsfrau Marit von Ahlefeld erklaert jetzt: „Ich stehe nicht hinter dem Entschluss, meine Kandidatin war Irene Dische.= Ungluecklich ist auch Schoeps: „Mir ging es um Amos Oz.= Viele scheinen sich auf der Sitzung ueberfahren oder ueberfordert gefuehlt zu haben. Reumuetig erklaert ein weiteres Jurymitglied, Loeffler habe Handke mit derart beharrlichem Trommelwirbel als „Weltliterat= gepriesen, bis die anderen muerbe wurden. „Ich selbst verstehe ja wenig von der Materie=, raeumt einer ein. „Was Handke auf der Beerdigung gesagt hat, weiss man doch nicht so genau=, verteidigt sich ein anderer. Wenigstens koenne man ja der Preisverleihung am 13. Dezember fern bleiben, troestet sich ein Jurymitglied.

Handke indes, dessen Kasse ein wenig klamm sein soll, da viele Buchhaendler ihn boykottieren, freut sich ueber den Preis. Vergessen scheint, dass Suhrkamp vor drei Jahren bekannt gab, er werde fortan keine Preise mehr annehmen. Vorschlag zur Guete: Der Autor koennte die Heine-Summe doch jenen darbenden Serben spenden, von denen er so haeufig spricht. Zu analysieren bleibt die zentrale Frage nach dem Ethos deutscher Kultureliten, nach deren Empathieferne oder horrender Nonchalance, auch und gerade, wo es um Macht, Geld und Preise geht. Caroline Fetscher

 


Preis fuer Peter Handke
Heine wird verhoehnt
Von Hubert Spiegel


26. Mai 2006 Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar. Das liegt in der Natur der Sache. Man kann in aller Regel bestens darueber streiten, ob ein Autor die ihm zugesprochene Auszeichnung verdient oder auch nicht verdient hat, und dieser Streit gehoert zu den ewigen Ritualen des literarischen Lebens. Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu vergeben hatte, kann diese Routine nicht fuer sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung, Peter Handke auszuzeichnen, faellt nicht nur aus dem Rahmen des ueblichen, sie ist unerhoert.

Als unlaengst Marcel Bozonnet, der Direktor der angesehenen Comedie Francaise sich weigerte, Handkes Stueck „Das Spiel vom Fragen= in seinem Haus auf die Buehne zu bringen, sprachen manche Kommentare von einem Akt der Zensur. Mehr als hundert franzoesische Schriftsteller und Intellektuelle sahen das anders und unterstuetzen die Entscheidung des Intendanten in einem offenen Brief. Und von Zensur konnte tatsaechlich keine Rede sein, denn ueber den Spielplan zu entscheiden, ist Recht und Pflicht der Intendanz.

Grundregel des Diskurses verletzt

Das staerkste Argument gegen die von Bozonnet verhaengte Boykottmassnahme, denn um nichts anderes handelt es sich, ist Handkes Stueck selbst: Es hat mit den politischen Ansichten seines Autors zum Balkan-Krieg nichts zu tun. Bozonnet hat denn auch nie behauptet, dass der Inhalt des Stueckes seine Entscheidung beeinflusst habe. Deshalb muss der Intendant sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er eine Grundregel des aesthetischen Diskurses verletzt hat. Die Regel besagt, dass Kunstwerke nicht ohne weiteres fuer die politischen ueberzeugungen ihrer Schoepfer haftbar gemacht werden duerfen.

Bei der Duesseldorfer Entscheidung verhaelt sich die Sache indes vollkommen anders. Denn der Heine-Preis ist keine rein literarische Auszeichnung, und er wird nicht fuer ein literarisches oder poetisches Gesamtwerk vergeben. In der Pressemitteilung der Stadt ist zu lesen: „Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes ,Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten'.=

Kurze Begruendung

Will die Jury also allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmoerders Milosevic habe der Voelkerverstaendigung gedient? Verbreitet die Schamlosigkeit, mit der Handke die serbischen Verbrechen beschoenigt und die ethnischen Saeuberungen geleugnet hat, die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen? Die Begruendung der Jury ist kurz, zwei Saetze sind es nur: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.= Handke hat Milosevic als „Opfer der Geschichte= bezeichnet und, wie Bernhard-Henri Levy juengst in Erinnerung gerufen hat, das Leid der Serben fuer groesser erklaert „als jenes der Juden in der Nazizeit=. Sieht so Eigensinn in der Tradition Heines aus?

Marcel Reich-Ranicki ist nicht dieser Ansicht: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empoerende Beleidigung und Verhoehnung des Dichters Heine=, sagte der Literaturkritiker im Gespraech. Die Publizistin Alice Schwarzer hat erklaert, sie glaube, dass Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert= haette.

Teile der Jury distanzieren sich

Diese Spekulation ist wohlfeil. Die Einschaetzung der Jury-Entscheidung darf nicht an den toten Heine delegiert werden, es muessen sich schon die Zeitgenossen der Unbequemlichkeit unterziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass Politiker wie der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Konrad Busek, oder der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Bundestag die Vergabe eines Literaturpreises kommentieren, ist ebenso ungewoehnlich wie der Umstand, dass sich Teile der Jury, der neben Vertretern der Stadt Duesseldorf unter anderen Sigrid Loeffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stoelzl und Gabriele von Arnim angehoeren, bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darueber gesprochen, dass sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden haetten, darunter Amos Oz und Irene Dische. Laut Berliner „Tagesspiegel= erwaegt ein Jurymitglied, der Preisverleihung im Dezember fernzubleiben.

Niemand will den Schriftsteller Peter Handke aechten, seine Stuecke sollen gespielt, seine Buecher sollen gedruckt und diskutiert werden. All das ist selbstverstaendlich und muss es bleiben. Aber die Duesseldorfer Entscheidung ist verstoerend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschaedigen.

Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP

====

Duesseldorf/Wien - Der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Exvizekanzler Erhard
Busek (oeVP), kritisierte die Stadt Duesseldorf, die am Dienstag bekannt
gegeben hatte, Peter Handke mit dem Heine-Preis (mit 50.000 Euro zaehlt er zu
den drei hoechstdotierten deutschen Literaturpreisen) auszuzeichnen: =Ich
halte die Entscheidung fuer sehr problematisch. Man beleidigt damit die
vielen Toten=, so Busek gegenueber der Rheinischen Post.



Auch der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Deutschen Bundestag,
Ruprecht Polenz (CDU), sowie der Vorsitzende des Kulturausschusses,
Hans-Joachim Otto (FDP), aeusserten sich kritisch. Emma-Chefredakteurin Alice
Schwarzer hingegen verteidigte die Entscheidung: =Handkes Mut haette Heine
vermutlich beeindruckt.= Sie spielte damit auf die Begruendung der Jury an,
die gemeint hatte, Handke verfolge eigensinnig wie Heinrich Heine den Weg zu
einer =offenen Wahrheit= und setze seinen poetischen Blick auf die Welt
ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung. (trenk, APA /DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 26.5.2006)



http://derstandard.at/?id=2456875


auserkoren, den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu erhalten, als ein Autor, der „eigensinnig wie Heinrich Heine= den „Weg zu einer offenen Wahrheit= verfolge, da er „den poetischen Blick auf die Welt (...) ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale= setze. Ja, es geht um denselben Handke, der kuerzlich in Serbien am Grab des Massenmoerders Milosevic verkuendete, er fuehle sich „ihm nah=. Serbische Intellektuelle erschraken. Gewiss sei der fruehe Handke, so der serbische Schriftsteller Bora Cosic, ein bedeutender Dichter gewesen, politisch habe sich der Autor jedoch fuerchterlich verirrt, als er „ohne Vorbehalt das arrogante, faschistische Regime von Milosevics Serbien unterstuetzte=. Nach Handkes Auftritt am Grab nahm die Pariser Comedie Française im April sein Drama „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land= aus dem Spielplan fuer 2007.

Nun also Duesseldorf. Den Heine-Preis erhalten seit 1972 „Persoenlichkeiten, die den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten=, darunter Carl Zuckmayer, Max Frisch und Elfriede Jelinek. Unlaengst stockte man das Preisgeld von 25000 Euro auf 50 000 auf – Steuergelder, die in Handkes Tasche fliessen sollen. Wie kommt so etwas zustande? 17 Autorendossiers lagen der Jury vor, der neben Sigrid Loeffler auch Julius Schoeps, Christoph Stoelzl, Gabriele von Arnim und hochrangige Vertreter der Stadt angehoeren. Die gruene Duesseldorfer Ratsfrau Marit von Ahlefeld erklaert jetzt: „Ich stehe nicht hinter dem Entschluss, meine Kandidatin war Irene Dische.= Ungluecklich ist auch Schoeps: „Mir ging es um Amos Oz.= Viele scheinen sich auf der Sitzung ueberfahren oder ueberfordert gefuehlt zu haben. Reumuetig erklaert ein weiteres Jurymitglied, Loeffler habe Handke mit derart beharrlichem Trommelwirbel als „Weltliterat= gepriesen, bis die anderen muerbe wurden. „Ich selbst verstehe ja wenig von der Materie=, raeumt einer ein. „Was Handke auf der Beerdigung gesagt hat, weiss man doch nicht so genau=, verteidigt sich ein anderer. Wenigstens koenne man ja der Preisverleihung am 13. Dezember fern bleiben, troestet sich ein Jurymitglied.

Handke indes, dessen Kasse ein wenig klamm sein soll, da viele Buchhaendler ihn boykottieren, freut sich ueber den Preis. Vergessen scheint, dass Suhrkamp vor drei Jahren bekannt gab, er werde fortan keine Preise mehr annehmen. Vorschlag zur Guete: Der Autor koennte die Heine-Summe doch jenen darbenden Serben spenden, von denen er so haeufig spricht. Zu analysieren bleibt die zentrale Frage nach dem Ethos deutscher Kultureliten, nach deren Empathieferne oder horrender Nonchalance, auch und gerade, wo es um Macht, Geld und Preise geht. Caroline Fetscher

 


Preis fuer Peter Handke
Heine wird verhoehnt
Von Hubert Spiegel


26. Mai 2006 Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar. Das liegt in der Natur der Sache. Man kann in aller Regel bestens darueber streiten, ob ein Autor die ihm zugesprochene Auszeichnung verdient oder auch nicht verdient hat, und dieser Streit gehoert zu den ewigen Ritualen des literarischen Lebens. Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu vergeben hatte, kann diese Routine nicht fuer sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung, Peter Handke auszuzeichnen, faellt nicht nur aus dem Rahmen des ueblichen, sie ist unerhoert.

Als unlaengst Marcel Bozonnet, der Direktor der angesehenen Comedie Francaise sich weigerte, Handkes Stueck „Das Spiel vom Fragen= in seinem Haus auf die Buehne zu bringen, sprachen manche Kommentare von einem Akt der Zensur. Mehr als hundert franzoesische Schriftsteller und Intellektuelle sahen das anders und unterstuetzen die Entscheidung des Intendanten in einem offenen Brief. Und von Zensur konnte tatsaechlich keine Rede sein, denn ueber den Spielplan zu entscheiden, ist Recht und Pflicht der Intendanz.

Grundregel des Diskurses verletzt

Das staerkste Argument gegen die von Bozonnet verhaengte Boykottmassnahme, denn um nichts anderes handelt es sich, ist Handkes Stueck selbst: Es hat mit den politischen Ansichten seines Autors zum Balkan-Krieg nichts zu tun. Bozonnet hat denn auch nie behauptet, dass der Inhalt des Stueckes seine Entscheidung beeinflusst habe. Deshalb muss der Intendant sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er eine Grundregel des aesthetischen Diskurses verletzt hat. Die Regel besagt, dass Kunstwerke nicht ohne weiteres fuer die politischen ueberzeugungen ihrer Schoepfer haftbar gemacht werden duerfen.

Bei der Duesseldorfer Entscheidung verhaelt sich die Sache indes vollkommen anders. Denn der Heine-Preis ist keine rein literarische Auszeichnung, und er wird nicht fuer ein literarisches oder poetisches Gesamtwerk vergeben. In der Pressemitteilung der Stadt ist zu lesen: „Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes ,Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten'.=

Kurze Begruendung

Will die Jury also allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmoerders Milosevic habe der Voelkerverstaendigung gedient? Verbreitet die Schamlosigkeit, mit der Handke die serbischen Verbrechen beschoenigt und die ethnischen Saeuberungen geleugnet hat, die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen? Die Begruendung der Jury ist kurz, zwei Saetze sind es nur: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.= Handke hat Milosevic als „Opfer der Geschichte= bezeichnet und, wie Bernhard-Henri Levy juengst in Erinnerung gerufen hat, das Leid der Serben fuer groesser erklaert „als jenes der Juden in der Nazizeit=. Sieht so Eigensinn in der Tradition Heines aus?

Marcel Reich-Ranicki ist nicht dieser Ansicht: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empoerende Beleidigung und Verhoehnung des Dichters Heine=, sagte der Literaturkritiker im Gespraech. Die Publizistin Alice Schwarzer hat erklaert, sie glaube, dass Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert= haette.

Teile der Jury distanzieren sich

Diese Spekulation ist wohlfeil. Die Einschaetzung der Jury-Entscheidung darf nicht an den toten Heine delegiert werden, es muessen sich schon die Zeitgenossen der Unbequemlichkeit unterziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass Politiker wie der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Konrad Busek, oder der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Bundestag die Vergabe eines Literaturpreises kommentieren, ist ebenso ungewoehnlich wie der Umstand, dass sich Teile der Jury, der neben Vertretern der Stadt Duesseldorf unter anderen Sigrid Loeffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stoelzl und Gabriele von Arnim angehoeren, bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darueber gesprochen, dass sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden haetten, darunter Amos Oz und Irene Dische. Laut Berliner „Tagesspiegel= erwaegt ein Jurymitglied, der Preisverleihung im Dezember fernzubleiben.

Niemand will den Schriftsteller Peter Handke aechten, seine Stuecke sollen gespielt, seine Buecher sollen gedruckt und diskutiert werden. All das ist selbstverstaendlich und muss es bleiben. Aber die Duesseldorfer Entscheidung ist verstoerend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschaedigen.

Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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Duesseldorf/Wien - Der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Exvizekanzler Erhard
Busek (oeVP), kritisierte die Stadt Duesseldorf, die am Dienstag bekannt
gegeben hatte, Peter Handke mit dem Heine-Preis (mit 50.000 Euro zaehlt er zu
den drei hoechstdotierten deutschen Literaturpreisen) auszuzeichnen: =Ich
halte die Entscheidung fuer sehr problematisch. Man beleidigt damit die
vielen Toten=, so Busek gegenueber der Rheinischen Post.



Auch der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Deutschen Bundestag,
Ruprecht Polenz (CDU), sowie der Vorsitzende des Kulturausschusses,
Hans-Joachim Otto (FDP), aeusserten sich kritisch. Emma-Chefredakteurin Alice
Schwarzer hingegen verteidigte die Entscheidung: =Handkes Mut haette Heine
vermutlich beeindruckt.= Sie spielte damit auf die Begruendung der Jury an,
die gemeint hatte, Handke verfolge eigensinnig wie Heinrich Heine den Weg zu
einer =offenen Wahrheit= und setze seinen poetischen Blick auf die Welt
ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung. (trenk, APA /DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 26.5.2006)



http://derstandard.at/?id=2456875


Preis fuer Peter Handke
Heine wird verhoehnt
Von Hubert Spiegel


26. Mai 2006 Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar. Das liegt in der Natur der Sache. Man kann in aller Regel bestens darueber streiten, ob ein Autor die ihm zugesprochene Auszeichnung verdient oder auch nicht verdient hat, und dieser Streit gehoert zu den ewigen Ritualen des literarischen Lebens. Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu vergeben hatte, kann diese Routine nicht fuer sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung, Peter Handke auszuzeichnen, faellt nicht nur aus dem Rahmen des ueblichen, sie ist unerhoert.

Als unlaengst Marcel Bozonnet, der Direktor der angesehenen Comedie Francaise sich weigerte, Handkes Stueck „Das Spiel vom Fragen= in seinem Haus auf die Buehne zu bringen, sprachen manche Kommentare von einem Akt der Zensur. Mehr als hundert franzoesische Schriftsteller und Intellektuelle sahen das anders und unterstuetzen die Entscheidung des Intendanten in einem offenen Brief. Und von Zensur konnte tatsaechlich keine Rede sein, denn ueber den Spielplan zu entscheiden, ist Recht und Pflicht der Intendanz.

Grundregel des Diskurses verletzt

Das staerkste Argument gegen die von Bozonnet verhaengte Boykottmassnahme, denn um nichts anderes handelt es sich, ist Handkes Stueck selbst: Es hat mit den politischen Ansichten seines Autors zum Balkan-Krieg nichts zu tun. Bozonnet hat denn auch nie behauptet, dass der Inhalt des Stueckes seine Entscheidung beeinflusst habe. Deshalb muss der Intendant sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er eine Grundregel des aesthetischen Diskurses verletzt hat. Die Regel besagt, dass Kunstwerke nicht ohne weiteres fuer die politischen ueberzeugungen ihrer Schoepfer haftbar gemacht werden duerfen.

Bei der Duesseldorfer Entscheidung verhaelt sich die Sache indes vollkommen anders. Denn der Heine-Preis ist keine rein literarische Auszeichnung, und er wird nicht fuer ein literarisches oder poetisches Gesamtwerk vergeben. In der Pressemitteilung der Stadt ist zu lesen: „Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes ,Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten'.=

Kurze Begruendung

Will die Jury also allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmoerders Milosevic habe der Voelkerverstaendigung gedient? Verbreitet die Schamlosigkeit, mit der Handke die serbischen Verbrechen beschoenigt und die ethnischen Saeuberungen geleugnet hat, die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen? Die Begruendung der Jury ist kurz, zwei Saetze sind es nur: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.= Handke hat Milosevic als „Opfer der Geschichte= bezeichnet und, wie Bernhard-Henri Levy juengst in Erinnerung gerufen hat, das Leid der Serben fuer groesser erklaert „als jenes der Juden in der Nazizeit=. Sieht so Eigensinn in der Tradition Heines aus?

Marcel Reich-Ranicki ist nicht dieser Ansicht: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empoerende Beleidigung und Verhoehnung des Dichters Heine=, sagte der Literaturkritiker im Gespraech. Die Publizistin Alice Schwarzer hat erklaert, sie glaube, dass Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert= haette.

Teile der Jury distanzieren sich

Diese Spekulation ist wohlfeil. Die Einschaetzung der Jury-Entscheidung darf nicht an den toten Heine delegiert werden, es muessen sich schon die Zeitgenossen der Unbequemlichkeit unterziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass Politiker wie der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Konrad Busek, oder der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Bundestag die Vergabe eines Literaturpreises kommentieren, ist ebenso ungewoehnlich wie der Umstand, dass sich Teile der Jury, der neben Vertretern der Stadt Duesseldorf unter anderen Sigrid Loeffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stoelzl und Gabriele von Arnim angehoeren, bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darueber gesprochen, dass sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden haetten, darunter Amos Oz und Irene Dische. Laut Berliner „Tagesspiegel= erwaegt ein Jurymitglied, der Preisverleihung im Dezember fernzubleiben.

Niemand will den Schriftsteller Peter Handke aechten, seine Stuecke sollen gespielt, seine Buecher sollen gedruckt und diskutiert werden. All das ist selbstverstaendlich und muss es bleiben. Aber die Duesseldorfer Entscheidung ist verstoerend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschaedigen.

Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP

====

Duesseldorf/Wien - Der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Exvizekanzler Erhard
Busek (oeVP), kritisierte die Stadt Duesseldorf, die am Dienstag bekannt
gegeben hatte, Peter Handke mit dem Heine-Preis (mit 50.000 Euro zaehlt er zu
den drei hoechstdotierten deutschen Literaturpreisen) auszuzeichnen: =Ich
halte die Entscheidung fuer sehr problematisch. Man beleidigt damit die
vielen Toten=, so Busek gegenueber der Rheinischen Post.



Auch der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Deutschen Bundestag,
Ruprecht Polenz (CDU), sowie der Vorsitzende des Kulturausschusses,
Hans-Joachim Otto (FDP), aeusserten sich kritisch. Emma-Chefredakteurin Alice
Schwarzer hingegen verteidigte die Entscheidung: =Handkes Mut haette Heine
vermutlich beeindruckt.= Sie spielte damit auf die Begruendung der Jury an,
die gemeint hatte, Handke verfolge eigensinnig wie Heinrich Heine den Weg zu
einer =offenen Wahrheit= und setze seinen poetischen Blick auf die Welt
ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung. (trenk, APA /DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 26.5.2006)



http://derstandard.at/?id=2456875


26. Mai 2006 Jede Entscheidung einer literarischen Jury ist anfechtbar. Das liegt in der Natur der Sache. Man kann in aller Regel bestens darueber streiten, ob ein Autor die ihm zugesprochene Auszeichnung verdient oder auch nicht verdient hat, und dieser Streit gehoert zu den ewigen Ritualen des literarischen Lebens. Die Jury, die den Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zu vergeben hatte, kann diese Routine nicht fuer sich in Anspruch nehmen. Ihre Entscheidung, Peter Handke auszuzeichnen, faellt nicht nur aus dem Rahmen des ueblichen, sie ist unerhoert.

Als unlaengst Marcel Bozonnet, der Direktor der angesehenen Comedie Francaise sich weigerte, Handkes Stueck „Das Spiel vom Fragen= in seinem Haus auf die Buehne zu bringen, sprachen manche Kommentare von einem Akt der Zensur. Mehr als hundert franzoesische Schriftsteller und Intellektuelle sahen das anders und unterstuetzen die Entscheidung des Intendanten in einem offenen Brief. Und von Zensur konnte tatsaechlich keine Rede sein, denn ueber den Spielplan zu entscheiden, ist Recht und Pflicht der Intendanz.

Grundregel des Diskurses verletzt

Das staerkste Argument gegen die von Bozonnet verhaengte Boykottmassnahme, denn um nichts anderes handelt es sich, ist Handkes Stueck selbst: Es hat mit den politischen Ansichten seines Autors zum Balkan-Krieg nichts zu tun. Bozonnet hat denn auch nie behauptet, dass der Inhalt des Stueckes seine Entscheidung beeinflusst habe. Deshalb muss der Intendant sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er eine Grundregel des aesthetischen Diskurses verletzt hat. Die Regel besagt, dass Kunstwerke nicht ohne weiteres fuer die politischen ueberzeugungen ihrer Schoepfer haftbar gemacht werden duerfen.

Bei der Duesseldorfer Entscheidung verhaelt sich die Sache indes vollkommen anders. Denn der Heine-Preis ist keine rein literarische Auszeichnung, und er wird nicht fuer ein literarisches oder poetisches Gesamtwerk vergeben. In der Pressemitteilung der Stadt ist zu lesen: „Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes ,Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten'.=

Kurze Begruendung

Will die Jury also allen Ernstes behaupten, Handkes Auftritt am Grab des Massenmoerders Milosevic habe der Voelkerverstaendigung gedient? Verbreitet die Schamlosigkeit, mit der Handke die serbischen Verbrechen beschoenigt und die ethnischen Saeuberungen geleugnet hat, die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen? Die Begruendung der Jury ist kurz, zwei Saetze sind es nur: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.= Handke hat Milosevic als „Opfer der Geschichte= bezeichnet und, wie Bernhard-Henri Levy juengst in Erinnerung gerufen hat, das Leid der Serben fuer groesser erklaert „als jenes der Juden in der Nazizeit=. Sieht so Eigensinn in der Tradition Heines aus?

Marcel Reich-Ranicki ist nicht dieser Ansicht: „Die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Heine-Preis ist eine empoerende Beleidigung und Verhoehnung des Dichters Heine=, sagte der Literaturkritiker im Gespraech. Die Publizistin Alice Schwarzer hat erklaert, sie glaube, dass Handkes Mut Heine „vermutlich imponiert= haette.

Teile der Jury distanzieren sich

Diese Spekulation ist wohlfeil. Die Einschaetzung der Jury-Entscheidung darf nicht an den toten Heine delegiert werden, es muessen sich schon die Zeitgenossen der Unbequemlichkeit unterziehen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Dass Politiker wie der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Konrad Busek, oder der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Bundestag die Vergabe eines Literaturpreises kommentieren, ist ebenso ungewoehnlich wie der Umstand, dass sich Teile der Jury, der neben Vertretern der Stadt Duesseldorf unter anderen Sigrid Loeffler, Julius H. Schoeps, Christoph Stoelzl und Gabriele von Arnim angehoeren, bereits von der Entscheidung ihres Gremiums distanziert haben. Offen wird darueber gesprochen, dass sechzehn andere Kandidaten zur Wahl gestanden haetten, darunter Amos Oz und Irene Dische. Laut Berliner „Tagesspiegel= erwaegt ein Jurymitglied, der Preisverleihung im Dezember fernzubleiben.

Niemand will den Schriftsteller Peter Handke aechten, seine Stuecke sollen gespielt, seine Buecher sollen gedruckt und diskutiert werden. All das ist selbstverstaendlich und muss es bleiben. Aber die Duesseldorfer Entscheidung ist verstoerend in ihrer blinden Lust an der Provokation. Sie wird den Heine-Preis nachhaltig beschaedigen.

Text: F.A.Z., 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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Duesseldorf/Wien - Der EU-Beauftragte fuer Suedosteuropa, Exvizekanzler Erhard
Busek (oeVP), kritisierte die Stadt Duesseldorf, die am Dienstag bekannt
gegeben hatte, Peter Handke mit dem Heine-Preis (mit 50.000 Euro zaehlt er zu
den drei hoechstdotierten deutschen Literaturpreisen) auszuzeichnen: =Ich
halte die Entscheidung fuer sehr problematisch. Man beleidigt damit die
vielen Toten=, so Busek gegenueber der Rheinischen Post.



Auch der Vorsitzende des Auswaertigen Ausschusses im Deutschen Bundestag,
Ruprecht Polenz (CDU), sowie der Vorsitzende des Kulturausschusses,
Hans-Joachim Otto (FDP), aeusserten sich kritisch. Emma-Chefredakteurin Alice
Schwarzer hingegen verteidigte die Entscheidung: =Handkes Mut haette Heine
vermutlich beeindruckt.= Sie spielte damit auf die Begruendung der Jury an,
die gemeint hatte, Handke verfolge eigensinnig wie Heinrich Heine den Weg zu
einer =offenen Wahrheit= und setze seinen poetischen Blick auf die Welt
ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung. (trenk, APA /DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 26.5.2006)



http://derstandard.at/?id=2456875





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eis 2006 fuer Peter Handke

Jury: Eigensinnig wie Heine verfolgt er seinen Weg zu einer offenen Wahrheit

Der oesterreichische Schriftsteller Peter Handke wird mit dem Heine-Preis 2006 der Landeshauptstadt Duesseldorf ausgezeichnet. Der Heine-Preis zaehlt zu den bedeutendsten Literatur- und Persoenlichkeitspreisen in Deutschland. Er wird seit 1972 verliehen, war bislang mit 25.000 Euro dotiert und wurde ab 2006 auf 50.000 Euro angehoben. Zusammen mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und dem Joseph-Breitbach-Preis (Mainz) haelt er mit dieser finanziellen Ausstattung den Spitzenplatz im deutschsprachigen Raum.

Peter Handke

Oberbuergermeister Joachim Erwin wird den Preis in einer Feierstunde am 13. Dezember - Heines 209. Geburtstag - ueberreichen. Die Preisverleihung bildet zugleich den wuerdigen Abschluss der Feierlichkeiten anlaesslich des 150. Todesjahres von Heinrich Heine. OB Erwin, der sich zurzeit mit einer Wirtschaftsdelegation in Moskau befindet, erreichte den designierten Preistraeger nach mehreren vergeblichen Versuchen am Dienstag telefonisch in Paris und informierte ihn ueber den Beschluss der Heine-Jury. Handke erklaerte, dass er die Auszeichnung mit Freuden annehmen werde.

Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes =an Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten=.

Die Jury traf ihre Entscheidung in einer Sitzung am Samstag, 20. Mai. Sie begruendete ihr Votum wie folgt: =Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.=

Peter Handke - Kurzvita

Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen-Altenmarkt im oesterreichischen Kaernten geboren. Mit der Urauffuehrung seiner provozierenden Textattacke =Publikumsbeschimpfung= 1966 in Frankfurt/Main gelang ihm ein furioser Einstieg in die Literatur. Mit Werken wie =Die Angst des Tormanns beim Elfmeter=, =Ritt ueber den Bodensee=, =Die Unvernuenftigen sterben aus= oder =Der kurze Brief zum langen Abschied= sicherte sich Handke bereits in den 70er-Jahren einen Platz unter den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation.

Die neueren Theaterstuecke von Handke inszenierte mit Vorliebe der Intendant und Regisseur Claus Peymann. In Wien brachte er 1990 Handkes =Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land= heraus und 1992 =Die Stunde da wir nichts voneinander wussten=. Fuer erheblichen Wirbel sorgte Handke ab 1996 mit seinen Streitschriften (=Gerechtigkeit fuer Serbien=), Reiseberichten und Interviews zum Balkankrieg. Die mit Spannung erwartete Urauffuehrung von Handkes Balkankriegsstueck =Die Fahrt im Einbaum oder das Stueck zum Film vom Krieg= (1999) fand ebenfalls wieder in der Verantwortung von Claus Peymann statt.

Zum umfangreichen Werk des Schriftstellers und UEbersetzers Peter Handke zaehlen auch Drehbuecher, unter anderem zu den Filmen =Chronik der laufenden Ereignisse= (1970), =Falsche Bewegung= (1975), =Die linkshaendige Frau (1977)= und =Der Himmel ueber Berlin= (1987). Zahlreiche Auszeichnungen begleiten seinen kuenstlerischen Weg, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Schiller-Preis, der Buechner-Preis und der Grosse OEsterreichische Staatspreis. (Quelle: Munzinger-Archiv)

Die Heine-Preis-Jury 2006

Der Heine-Preis-Jury 2006 gehoerten an: als vom Rat gewaehlte Mitglieder Sigrid Loeffler (Berlin), Prof. Dr. Julius H. Schoeps (Potsdam), Prof. Dr. Jean-Pierre Lefèbvre (Paris) und Prof. Dr. Christoph Stoelzl (Berlin), ferner Prof. Dr. Dr. Alfons Labisch (Rektor der Heine-Universitaet Duesseldorf), der Chef der NRW-Staatskanzlei und Staatssekretaer fuer Kultur Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (fehlte) sowie Dr. Gabriele von Arnim (fuer die Heinrich-Heine-Gesellschaft Duesseldorf); ausserdem als Vertreter der Stadt Oberbuergermeister Joachim Erwin (Jury-Vorsitzender), Buergermeister Dirk Elbers, Ratsherr Friedrich Conzen (Kulturausschuss-Vorsitzender), Ratsfrau Marit von Ahlefeld (stellvertretende Kulturausschuss-Vorsitzende) und Kulturdezernent Hans-Georg Lohe. Die staedtischen Mitglieder des Preisgerichts haben bestimmungsgemaess bei der Entscheidung jeweils eine, die uebrigen jeweils zwei Stimmen.

(23. Mai 2006)

Handke fuehlt sich falsch verstanden

Der designierte Heine-Preistraeger Peter Handke fuehlt sich von seinen Kritikern missverstanden: Er habe kein Massaker der Balkankriege geleugnet und er habe Slobodan Milosevic nicht als Opfer bezeichnet, sagte der oesterreichische Schriftsteller.

Frankfurt am Main - =Ich habe nie eines der Massaker in den Jugoslawienkriegen 1991 bis 1995 geleugnet oder abgeschwaecht, verharmlost oder gar gebilligt=, sagte Handke der =Frankfurter Allgemeinen Zeitung= (=FAZ=). Auch sei bei ihm nirgendwo zu lesen, er habe Milosevic als =ein= oder =das Opfer= bezeichnet, heisst es in einer Stellungnahme (=Was ich nicht sagte=) des 63-Jaehrigen zu einem kritischen Kommentar der Zeitung zur geplanten Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Handke.

DPA

Schriftsteller Handke: =Was ich nicht sagte=

Handke betonte, er habe sich im Februar 1999 vor der Kamera des Belgrader Fernsehens =verhaspelt=, als er in unzulaenglichem Franzoesisch gesagt habe, die Serben seien noch groessere Opfer als die Juden. Als er das Band abgehoert habe, habe er dies schleunigst schriftlich korrigiert, sagte Handke. Der Text sei auch von grossen Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt worden.

Handke bat in er der =FAZ= darum, seine in den vergangenen 15 Jahren zum Thema Jugoslawien veroeffentlichten Stuecke, Texte Erzaehlungen und Berichte =Wort fuer Wort= gelesen werden sollten, um Missverstaendnissen vorzubeugen. Es gebe noch =Buecher zu lesen jenseits der Zeitungen=, so Handke.

Im Maerz hatte Handkes Teilnahme an dem Begraebnis des ehemaligen jugoslawischen Staatschefs Milosevic fuer Kontroversen gesorgt. Er habe bei dem Begraebnis Milosevics, der vor dem Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunal angeklagt war, Zeuge sein wollen, sagte Handke damals. Er habe auf den Tod des Ex-Staatschefs =nicht mit Genugtuung reagiert=. Er gestand, =so etwas wie Kummer empfunden zu haben=.

Der Heinrich-Heine-Preis zaehlt zu den bedeutendsten Literatur- und Persoenlichkeitspreisen in Deutschland. Er wird seit 1972 verliehen. In diesem Jahr wurde die Dotierung auf 50.000 Euro erhoeht. Handke wurde bekannt mit Werken wie =Die Angst des Tormanns beim Elfmeter=, =Ritt ueber den Bodensee=, =Die Unvernuenftigen sterben aus= oder =Der kurze Brief zum langen Abschied=. Waehrend die literarische Leistung Handkes unbestritten ist, geriet der Dichter immer wieder in die Kritik, nachdem er mehrmals oeffentlich fuer den serbischen Diktator Milosevic Partei ergriffen hatte.

Aufgrund dieser Kontroverse denkt der Schriftsteller Guenter Kunert darueber nach, seinen Heine-Preis zurueckzugeben, sollte der Preis an Handke verliehen werden. Er begreife nicht, wie Menschen nach der deutschen Geschichte mit Handke =den Barden eines Diktators preisen= koennten, sagte Kunert, der die Auszeichnung 1985 erhalten hatte, im Deutschlandradio Kultur. Die Ehrung Handkes sei eine Groteske.

Der Vorgang zeige, dass die deutsche Geschichte noch nicht bewaeltigt sei. Eine Ausgrenzung Handkes gebe es keineswegs, betonte der Schriftsteller: =Der wird ueberhaupt nicht ausgestossen. Es ist in Deutschland doch der Fall, dass Leute, die wie Handke gegen den so genannten Mainstream schwimmen, beglueckwuenscht werden.= Dabei sei der Mainstream nicht mehr als ein =duerftiges Baechlein=. Mit Heine habe diese Preisverleihung nichts zu tun.

bor/ddp

==der Vernunft in letzter Minute

Die Fraktionen im Duesseldorfer Rathaus kippen die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke

von Tilman Krause

Ein Glueck, dass es in diesem Lande wenigstens vernuenftige Politiker gibt. Sie und nicht die Schriftsteller, die sich in der vergangenen Woche in Berlin so lauthals gefeiert haben, sie und nicht die Intellektuellen, die fuer sich so gern Durchblick und moralische Hoeherwertigkeit in Anspruch nehmen, nein, Politiker haben jetzt dafuer gesorgt, dass jene Entscheidung zurueckgenommen wird, die man von Anfang an nur als abwegig, ja absurd bezeichnen konnte. Die Entscheidung naemlich, dem in politischer Hinsicht unzurechnungsfaehigen Autor Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis zuzuerkennen. Einen politischen Preis, einen Preis, der ausdruecklich nicht fuer genuin literarische Qualitaeten zuerkannt wird (Qualitaeten, die man Peter Handke nicht absprechen wird). Vielmehr soll der Heinrich-Heine-Preis Persoenlichkeiten auszeichnen, =die den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammenhoerigkeit aller Menschen verbreiten=.

Die Politiker, die dem unwuerdigen Gezerre der letzten Tage ein Ende bereiten, sind die Mehrheitsfraktionen von SPD, FDP und Gruenen im Duesseldorfer Rathaus. Namens ihres Sprechers, des Geschaeftsfuehrers der FDP-Ratsfraktion Neuenhaus, haben sie ihren Beschluss wie folgt begruendet, mit Ruecksicht auf Handkes wieder und wieder vorgebrachtes Bekenntnis zu dem Diktator und Menschenrechtsverletzer Milosevic: =Wir sind der Auffassung, dass Handke sich mit seinem oeffentlichen Verhalten einem autoritaeren, verbrecherischen Regime angedient hat.= Ausdruecklich wird von den Politikern auch die Arbeit der Jury desavouiert, obwohl dieser auch Mitglieder des Stadtrates und Vertreter des Landes angehoerten. Ihr Votum fuer Handke sei schlicht und einfach ein =Fehler= gewesen, betonte Neuenhaus. Und noch eine weitere Konsequenz wird wohl aus der Affaere gezogen werden muessen, wenn es nach den Vorstellungen der SPD-Ratsfraktion geht: In diesem Jahr duerfe es gar keinen Heine-Preis geben, schlug sie vor. Jeder andere Preistraeger muesse das Gefuehl haben, =zweite Wahl= zu sein, eine Argumentation, der sich auch CDU und FDP anschliessen.

Diese Massnahmen seien der =einzige Weg, auf einen nicht wieder gutzumachenden Schaden zu reagieren=, meinte Annette Steller von der SPD. Auch in diesem Punkte muss man der Politik Recht geben: Ein nicht wieder gutzumachender Schaden ist naemlich geschehen. Der Schaden, der nicht nur in der ablehnenden Reaktion einer breiten OEffentlichkeit besteht (Guenter Kunert beispielsweise hatte im Deutschlandradio erwogen, seinen ihm 1985 verliehenen Heine-Preis zurueckgegeben, wenn Handke gekuert worden waere). Der Schaden auch, der im Verhalten der Jury lag.

Wie ja laengst durchgesickert ist, war die Wahl in der Jury selbst immerhin umstritten. Wie es scheint, sind es vor allem der Duesseldorfer Oberbuergermeister Joachim Erwin, ein Mann von der CDU mit viel Sinn fuer Remmidemmi, und die Literaturkritikerin Sigrid Loeffler mit ihrem =beharrlichem Trommelwirbel= fuer den =Weltliteraten= Handke, wie ein Jurymitglied sich ausdrueckte, gewesen, die Handke favorisierten. Man begreift nicht, wie eine so grosse Jury, zu der neben Vertretern der Stadt auch Julius Schoeps, Christoph Stoelzl und Gabriele von Arnim gehoerten, sich von diesen beiden Juroren majorisieren liess. Nur Elfriede Jelinek haelt Handke weiterhin die Stange und zeigt sich =entsetzt= ueber die Entscheidung des Duesseldorfer Stadtrates. Und Handke gibt zu Protokoll: =Nirgendwo bei mir kann man lesen, ich haette Milosevic als =ein= oder =das Opfer= bezeichnet.=

Vielleicht stellt dieser peinliche Vorfall endlich einen Anlass dar, ueber einige heilige Kuehe des oeffentlichen Diskurses nachzudenken. Die Begruendung der Jury hiess ja: =Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.= Eigensinn und Ruecksichtslosigkeit sind Verhaltensmuster von Kindern. Warum soll man Schriftsteller dafuer preisen?

Artikel erschienen am Mi, 31. Mai 2006

Politiker wollen Handke-Ehrung verhindern

Der Duesseldorfer Stadtrat will die umstrittene Auszeichnung des Dichters Peter Handke mit dem Heinrich-Heine-Preis verhindern. Die Fraktionen von SPD, FDP und Gruenen haben sich darauf verstaendigt, das Preisgeld nicht auszuzahlen.

Duesseldorf - =Wir werden das Geld nicht zur Verfuegung stellen=, sagte Manfred Neuenhaus, Geschaeftsfuehrer der FDP-Ratsfraktion, heute der dpa. Zuvor hatten sich die im Duesseldorfer Stadtrat vertretenen Fraktionen von SPD, FDP und Gruenen darauf verstaendigt, die Vergabe des Heine-Preises an Peter Handke zu vereiteln. Auch in der CDU- Fraktion wird es laut Buergermeister Dirk Elbers keine Mehrheit fuer Handke geben.

DPA

Dramatiker Handke: Keine Unterstuetzung aus dem Stadtrat

Eigentlich haette die Vergabe des mit 50.000 Euro dotierten Preises am 22. Juni in der Ratssitzung vom Stadtparlament bestaetigt werden sollen. Die Verleihung des renommierten Heine-Preises ist fuer 13. Dezember geplant. Eine unabhaengige Jury aus Literaturexperten, Mitgliedern des Stadtrates und einem Vertreter des Landes hatte fuer Handke als Preistraeger votiert. =Eigensinnig wie Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit=, hiess es zur Begruendung.

Der oesterreichische Dichter und Dramatiker steht jedoch seit Jahren wegen seiner positiven Haltung zum ehemaligen serbischen Diktator Slobodan Milosevic in der Kritik, so dass sich ob der Nachricht in den Feuilletons ein nachhaltiger Proteststurm regte.

=Wir sind der Auffassung, dass Handke sich mit seinem oeffentlichen Verhalten einem autoritaeren, verbrecherischen Regime angedient hat=, sagte FDP-Politiker Neuenhaus der dpa. Mit ueberlieferten AEusserungen Handkes zum Balkankrieg wie =Die Nato hat kein Auschwitz verhindert, sondern eines geschaffen= sei aus Sicht seiner Partei eine Grenze erreicht. Das Jury-Votum fuer Handke sei laut Neuenhaus ein Fehler gewesen.

Der Heine-Preis ist =eindeutig ein politischer, kein Literaturpreis=, begruendete Karin Trepke, Geschaeftsfuehrerin der Duesseldorfer Ratsfraktion der Gruenen, das =einhellig= ablehnende Votum ihrer Partei. Grund: =Der Preis kann nicht an jemanden verliehen werden, der sich wie Handke in die Naehe Slobodan Milosevics begeben hat.= Die Ablehnung sei der =einzige Weg=, auf einen nicht wieder gut zu machenden Schaden zu reagieren, sagte Annette Steller, Geschaeftsfuehrerin der SPD-Ratsfraktion, ebenfalls gegenueber dpa. Handke koenne nicht mit einem Preis ausgezeichnet werden, mit dem eine Persoenlichkeit geehrt werden soll, die sich um Grundrechte und Voelkerverstaendigung verdient gemacht habe.

Der wegen seines Fehlens bei der Abstimmung in die Kritik geratene nordrhein-westfaelische Kulturstaatssekretaer Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) soll sich morgen auf Betreiben der NRW-Gruenen in der Fragestunde des Parlamentes rechtfertigen. Der Landespolitiker hatte seine Nicht-Teilnahme laut dpa =mit der nachhaltig fehlenden Bereitschaft des Oberbuergermeisters= begruendet, =mit dem Land partnerschaftlich zusammen zu arbeiten=.

Die nordrhein-westfaelische SPD nannte Grosse-Brockhoffs Haltung =inakzeptabel=, die Gruenen kritisierten sie als =laecherlich=. Nach Angaben der Gruenen haette Grosse-Brockhoff die Jury-Entscheidung mit den ihm zustehenden zwei Stimmen verhindern koennen. Inhaltlich hatte der Kulturstaatssekretaer das Jury-Votum kritisiert: Wer wie Handke den Holocaust relativiere, stehe in keiner Weise in der Tradition Heinrich Heines und sei nicht preiswuerdig.

Peter Handke selbst hat unterdessen in einem in der =Frankfurter Allgemeinen Zeitung= abgedruckten Statement abgestritten, Slobodan Milosevic als =Opfer= bezeichnet zu haben. Auch habe er zu keiner Zeit die im Balkankrieg begangenen Massaker realitiviert.

Nach Meinung der SPD-Ratsfraktion solle es in diesem Jahr schlicht keinen Heine-Preis geben. Die FDP moechte das diesjaehrige Preisgeld im Geiste des zu Lebzeiten verarmten Heine an die Deutsche Kuenstlerhilfe stiften. Den Preis einem anderen Autor zu zuerkennen komme aus Sicht von CDU und FDP nicht in Frage. Gemeinsame Befuerchtung: Die Ausgezeichneten koennten das Gefuehl haben, =zweite Wahl= zu sein. Konkurrenten Handkes in waren in unter anderem Amos Oz und Irene Dische.

bor/dpa

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Peter Handke [ NOW THAT THEY HAVE ROUSED THE BEAST OF THE FOREST OF CHAVILLE.....] calls for an end to all comparison of Bosnian and Serbian

crimes. Historian Goetz Aly calls for a complete overhaul of the

historical contextualisation of the Holocaust. Hans Magnus

Enzensberger looks at the high costs of the death cult. And authors

Zafer Senocak and Ilija Trojanov look at which side is more

influential in Germany's 'foreign infiltration trend'.

http://signandsight.com/intodaysfeuilletons/788.html

Preis 2006 fuer Peter Handke

Jury: Eigensinnig wie Heine verfolgt er seinen Weg zu einer offenen Wahrheit

Der oesterreichische Schriftsteller Peter Handke wird mit dem Heine-Preis 2006 der Landeshauptstadt Duesseldorf ausgezeichnet. Der Heine-Preis zaehlt zu den bedeutendsten Literatur- und Persoenlichkeitspreisen in Deutschland. Er wird seit 1972 verliehen, war bislang mit 25.000 Euro dotiert und wurde ab 2006 auf 50.000 Euro angehoben. Zusammen mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und dem Joseph-Breitbach-Preis (Mainz) haelt er mit dieser finanziellen Ausstattung den Spitzenplatz im deutschsprachigen Raum.

Peter Handke Oberbuergermeister Joachim Erwin wird den Preis in einer Feierstunde am 13. Dezember - Heines 209. Geburtstag - ueberreichen. Die Preisverleihung bildet zugleich den wuerdigen Abschluss der Feierlichkeiten anlaesslich des 150. Todesjahres von Heinrich Heine. OB Erwin, der sich zurzeit mit einer Wirtschaftsdelegation in Moskau befindet, erreichte den designierten Preistraeger nach mehreren vergeblichen Versuchen am Dienstag telefonisch in Paris und informierte ihn ueber den Beschluss der Heine-Jury. Handke erklaerte, dass er die Auszeichnung mit Freuden annehmen werde.

Der Heine-Preis wird, wie es in den Bestimmungen heisst, durch den Rat der Landeshauptstadt Duesseldorf aufgrund der Entscheidung des Preisgerichtes =an Persoenlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, fuer die sich Heinrich Heine eingesetzt hat, den sozialen und politischen Fortschritt foerdern, der Voelkerverstaendigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehoerigkeit aller Menschen verbreiten=.

Die Jury traf ihre Entscheidung in einer Sitzung am Samstag, 20. Mai. Sie begruendete ihr Votum wie folgt: =Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er ruecksichtslos gegen die veroeffentlichte Meinung und deren Rituale.=

Peter Handke - Kurzvita

Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen-Altenmarkt im oesterreichischen Kaernten geboren. Mit der Urauffuehrung seiner provozierenden Textattacke =Publikumsbeschimpfung= 1966 in Frankfurt/Main gelang ihm ein furioser Einstieg in die Literatur. Mit Werken wie =Die Angst des Tormanns beim Elfmeter=, =Ritt ueber den Bodensee=, =Die Unvernuenftigen sterben aus= oder =Der kurze Brief zum langen Abschied= sicherte sich Handke bereits in den 70er-Jahren einen Platz unter den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation.

Die neueren Theaterstuecke von Handke inszenierte mit Vorliebe der Intendant und Regisseur Claus Peymann. In Wien brachte er 1990 Handkes =Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land= heraus und 1992 =Die Stunde da wir nichts voneinander wussten=. Fuer erheblichen Wirbel sorgte Handke ab 1996 mit seinen Streitschriften (=Gerechtigkeit fuer Serbien=), Reiseberichten und Interviews zum Balkankrieg. Die mit Spannung erwartete Urauffuehrung von Handkes Balkankriegsstueck =Die Fahrt im Einbaum oder das Stueck zum Film vom Krieg= (1999) fand ebenfalls wieder in der Verantwortung von Claus Peymann statt.

Zum umfangreichen Werk des Schriftstellers und UEbersetzers Peter Handke zaehlen auch Drehbuecher, unter anderem zu den Filmen =Chronik der laufenden Ereignisse= (1970), =Falsche Bewegung= (1975), =Die linkshaendige Frau (1977)= und =Der Himmel ueber Berlin= (1987). Zahlreiche Auszeichnungen begleiten seinen kuenstlerischen Weg, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Schiller-Preis, der Buechner-Preis und der Grosse OEsterreichische Staatspreis. (Quelle: Munzinger-Archiv)

Die Heine-Preis-Jury 2006

Der Heine-Preis-Jury 2006 gehoerten an: als vom Rat gewaehlte Mitglieder Sigrid Loeffler (Berlin), Prof. Dr. Julius H. Schoeps (Potsdam), Prof. Dr. Jean-Pierre Lefèbvre (Paris) und Prof. Dr. Christoph Stoelzl (Berlin), ferner Prof. Dr. Dr. Alfons Labisch (Rektor der Heine-Universitaet Duesseldorf), der Chef der NRW-Staatskanzlei und Staatssekretaer fuer Kultur Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (fehlte) sowie Dr. Gabriele von Arnim (fuer die Heinrich-Heine-Gesellschaft Duesseldorf); ausserdem als Vertreter der Stadt Oberbuergermeister Joachim Erwin (Jury-Vorsitzender), Buergermeister Dirk Elbers, Ratsherr Friedrich Conzen (Kulturausschuss-Vorsitzender), Ratsfrau Marit von Ahlefeld (stellvertretende Kulturausschuss-Vorsitzende) und Kulturdezernent Hans-Georg Lohe. Die staedtischen Mitglieder des Preisgerichts haben bestimmungsgemaess bei der Entscheidung jeweils eine, die uebrigen jeweils zwei Stimmen.

(23. Mai 2006)

Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen

In der eher klaeglich verlaufenden Debatte um die diesjaehrige Verleihung des Heinrich-Heine-Preises aeussert sich der umstrittene Autor nun selber: Hier die Stellungnahme von Peter Handke zu den Vorwuerfen gegen seine proserbischen Positionen.

Am 20. Mai war Peter Handke der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zugesprochen worden. Am Dienstag haben die Fraktionen des Stadtrats nach Protesten wegen Handkes pro-serbischer Haltung angekuendigt, das Preisgeld zu verweigern.

Ich muss ernsthaft sein und ruhig antworten auf die Vorwuerfe, die mir seit vielen Jahren und jetzt wieder, nach der Zusprechung (und der angedrohten Nicht-Vergabe) des Heinrich-Heine-Preises entgegengehalten werden. Ich muss es fuer die Leser tun, fuer die redlichen Leser — uebrigens eine Tautologie, denn ein unredlicher oder voreingenommener Leser ist nie ein Leser.

Ballern mit Wortgeschossen

Also: Hoeren wir einander endlich an, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und -zuheulen. Und tolerieren wir die boesen Wesen (?) oder Geister (?) nicht mehr, die im Zusammenhang mit dem tragischen Jugoslawien-Problem weiterhin mit Wort-Geschossen wie „Revisionismus=, „Apartheid=, „Hitler=, „blutige Diktatur= etc. ballern. Lassen wir, was die Kriege in Jugoslawien angeht, alle Vergleiche und alle Parallelen sein.

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Vielleicht irre ich mich in den juristischen Termini: aber die schreckliche Antwort, die abscheuliche Rache der serbischen Streitkraefte (nicht nur fuer die Morde in Kravica, sondern auch fuer die waehrend dreieinhalb Jahren in circa dreissig Doerfern um das muslimische Srebrenica begangenen Verbrechen) ist, da sie sich ausschliesslich gegen Soldaten und/oder muslimische Maenner richtete, als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit= zu bezeichnen: Nuance, die, Ausnahme unter den sonst so wichtigen „Nuancen=!, fast nicht zaehlt angesichts von Tausenden und Abertausenden bosno-serbischen Verbrechen, ja und ja, gegen die Menschlichkeit.

Und davon abgesehen – und das ist es, was die Leser in ihren Herzen endlich verstehen muessen – sind die Zahlen der jungen und weniger jungen Toten in den bosnischen Kriegen auf allen Seiten, bei den Muslimen, den Kroaten, den Serben, fast auf gleicher Hoehe – warum nicht auch einmal den Friedhof von Visegrad besuchen, den riesigen Friedhof von Vlasenica?

Und vor allem, ich wiederhole es voller Trauer: Ich wollte nie sagen, und habe an keiner Stelle gesagt, das Massaker von Kravica sei „der einzige Genozid= in Bosnien gewesen, sondern ein Verbrechen, auf das dieses Wort zutrifft – es gab andere bosno-serbische, muslimische, kroatische Massaker, die mit diesem Terminus bezeichnet werden koennen.

IBleiben wir bei den Tatsachen eines von einem unredlichen oder wenigstens unwissenden Europa angezettelten oder wenigstens koproduzierten Buergerkriegs, die auf allen Seiten schrecklich sind. Hoeren wir auf, Slobodan Milosevic mit Hitler zu vergleichen.

Hoeren wir auf, in ihm und seiner Frau Mira Markovic Macbeth und seine Lady zu sehen oder Parallelen zwischen dem Paar und dem Diktator Ceausescu und seiner Frau Elena zu ziehen. Und verwenden wir nie mehr fuer die waehrend des Sezessionskriegs in Jugoslawien eingerichteten Lager das Wort „Konzentrationslager=.

Wahr ist: Es gab zwischen 1992 und 1995 auf dem Gebiet der jugoslawischen Republiken, vor allem in Bosnien, Gefangenenlager, und es wurde in ihnen gehungert, gefoltert und gemordet. Aber hoeren wir auf, diese Lager in unseren Koepfen mechanisch mit den Bosno-Serben zu verbinden: Es gab auch kroatische und muslimische Lager, und die dort und dort begangenen Verbrechen werden im Tribunal von Den Haag geahndet.

Ich wiederhole voller Wut

Und hoeren wir schliesslich auf, die Massaker (unter denen, im Plural, diejenigen von Srebrenica im Juli 1995 tatsaechlich bei weitem die abscheulichsten sind) dem serbischen (Para)-Militaer zuzuschreiben. Ich wiederhole aber, wuetend, wiederhole voller Wut auf die serbischen Verbrecher, Kommandanten, Planer: Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste „Verbrechen gegen die Menschlichkeit=, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde.

ahr ist: Ich war im Juni 1996 zum ersten Mal (und danach noch um die zehn Mal) in Srebrenica und in den ebenfalls zerstoerten serbischen Doerfern ringsum, und habe danach ein kleines Buch geschrieben („Sommerlicher Nachtrag zu einer Winterlichen Reise=). Wahr ist, dass ich in diesem Nachtrag auch von den bluehenden Baeumen erzaehle, von den Erdbeeren auf den Huegeln um Srebrenica, aber natuerlich (entschuldige, Leser, dass ich mich erklaere, aber die Beschreibung dieser Natur wird mir immer wieder vorgeworfen), um die furchtbare Zerstoerung in und um Srebrenica und die Todesstille noch spuerbarer zu machen.

Und der Kern des Nachtrags: die endlosen Schreie eines serbischen Mannes aus Srebrenica, der, zwischen den Ruinen, am Sommerabend (Schwalben!) zu seinem Haus (?) zurueckkehrt (?) und auf dem Weg gegen sein eigenes Volk anbruellt, sein Volk verflucht und verflucht, und am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen vor lauter Wut und Schmerz.

Hoeren wir auch – endlich – den UEberlebenden der muslimischen Massaker zu, in den vielen serbischen Doerfern um das – muslimische – Srebrenica, jener in den drei Jahren vor dem Fall Srebrenicas wiederholt begangenen und von dem Stadtkommandanten befehligten Massaker, die im Juli 1995 – schreckliche Rache und ewige Schande fuer die verantwortlichen Bosno-Serben – zu dem grossen Gemetzel fuehrten, „dem groessten in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg=.

Auch andere Muetter hoeren

Fuegen wir immerhin hinzu, dass alle Soldaten oder muslimischen Maenner aus Srebrenica, die die Drina – die Grenze zwischen den beiden Staaten – ueberquerten und aus Bosnien in das damals von Milosevic regierte Serbien flohen, dass all diese Soldaten, die in dem „feindlichen= Serbien ankamen, heil blieben – hier, kein Gemetzel, keine Massaker.

Ja, hoeren wir, nachdem wir „die Muetter von Srebrenica= gehoert haben, auch die Muetter, oder auch nur eine Mutter des nahe gelegenen serbischen Dorfes Kravica, wenn sie von dem an der orthodoxen Weihnacht 1992/1993 von den muslimischen Streitkraeften Srebrenicas begangenen Massaker erzaehlt, dem auch Frauen und Kinder zum Opfer fielen (und nur fuer ein solches Verbrechen trifft das Wort „Genozid= zu).

ch konnte nicht glauben, eine derartige Dummheit tatsaechlich ausgesprochen zu haben

Und hoeren wir auf, die „Sniper= von Sarajewo blindlings mit den „Serben= zu verbinden: Die meisten der in Sarajewo getoeteten franzoesischen Blauhelme sind Opfer muslimischer Schuetzen geworden. Und hoeren wir auf, die (furchtbare, dumme, unverstaendliche) Belagerung Sarajewos ausschliesslich mit der bosno-serbischen Armee in Verbindung zu bringen: Im Sarajewo der Jahre 1992 bis 1995 blieb die serbische Bevoelkerung zu Zehntausenden in zentralen Vierteln wie Grbavica gefangen, die ihrerseits – und wie! – von muslimischen Streitkraeften belagert wurden. Und hoeren wir auf, die Vergewaltigungen ausschliesslich den Serben zuzuschreiben. Und hoeren wir auf mit Worten à la Pawlowscher Hund.

Waehrend der Vorbereitungen des Nato-Kriegs gegen Jugoslawien war ich mehrfach in Rambouillet, und am Ende, angesichts des voraussehbaren Scheiterns der „Verhandlungen=, des westlichen Diktats, von einem Belgrader Fernsehsender befragt, habe ich das serbische Volk (in meinem Herzen die Bombardierung, die Besatzung und die Lager, vor allem Jasenovac, das Nazi-Kroatien unter der deutschen Besatzung in Jugoslawien 1941 bis 1944) mit dem juedischen Volk verglichen. Und da, in meiner, glaub' mir, Leser, Leserin, Not, in dem Durcheinander in meinem Kopf, habe ich tatsaechlich einen Satz gesagt, der in etwa lautete „die Serben sind noch groessere Opfer als die Juden...=

Von den deutschen Medien spaeter darauf angesprochen, konnte ich nicht glauben, eine derartige Dummheit tatsaechlich ausgesprochen zu haben — zumal diese Dummheit ueberhaupt nicht zu meinem Gefuehl im Moment des auf Franzoesisch vor der Kamera abgegebenen Statements passte. Unglaeubig hoerte ich das Tonband an — und, indeed, ich hatte auf laecherliche Weise die Worte verwechselt. Aber Achtung! Ich habe mich sofort schriftlich korrigiert — und die deutschen Medien haben meine Korrektur veroeffentlicht — die Frankfurter Allgemeine Zeitung Wort fuer Wort — ohne jeden Kommentar — die schriftliche Richtigstellung meiner Verwechslung wurde damals akzeptiert. Warum jetzt nicht mehr?

Zu meiner Mini-Rede veranlasst

Ja, und ich war in Pozarevac, bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic. Warum, habe ich im Focus vom 27. Maerz 2006 erklaert: Es war die Sprache, die mich auf den Weg brachte, die Sprache einer so genannten Welt, die die Wahrheit wusste ueber diesen „Schlaechter= und „zweifellos= schuldigen „Diktator=, dem noch sein Tod zur Schuld gereichen sollte, weil er sich „vor dem Schuldspruch, ohne Zweifel lebenslaenglich, weggestohlen= habe – warum, fragte ich, bedurfte es da noch eines Gerichtes, um ihn schuldig zu sprechen?

Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac – in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalitaet zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalitaet zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache.

Verbreitern wir die OEffnung. Auf dass die Bresche nie wieder von schlimmen oder vergifteten Worten verstopft werde. Hinaus boese Geister. Verlasst endlich die Sprache. Lernen wir die Kunst des Fragens, reisen wir ins sonore Land, im Namen Jugoslawiens, im Namen eines anderen Europas. Es lebe Europa. Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija.

Der Text ist eine vom Autor bearbeitete, veraenderte und ergaenzte Fassung zweier Artikel, die in der franzoesischen Tageszeitung Libération erschienen sind und von Anne Weber aus dem Franzoesischen ueber setzt wurden.

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Botho Strauss

01. Juni 2006