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HEINE PRIZE CONTROVERSY

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Was bleibt schliesslich von dem angeblichen Saenger des grossserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nurr der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur ueberragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fuehlens und Wissens in der deutschen Literatur.=

Botho Strauss

01. Juni 2006

Was bleibt von dem Gefangenen im Pisaner Kaefig, dem gegen Roosevelt eifernden Faschisten? Es bleibt der ueberragende Rhapsode und Poet, der Matador der Moderne, der reiche Anreger und Talentefoerderer Ezra Pound.

Was bleibt von dem beruechtigten Rechtslehrer Carl Schmitt, dem man Mitwirkung an den Nuernberger Rassengesetzen nachwies? Es bleibt der einflussreichste Staatsrechtler des zwanzigsten Jahrhunderts, der intuitivste Denker ueber Verfassungs- und Rechtsgeschichte, dessen Einfluss weit ueber die Grenzen Deutschlands hinaus lebendig blieb.

Von Heidegger zu sprechen und dabei seine Rolle als brauner Universitaetsrektor hervorzuheben erweist sich inzwischen als Laecherlichkeit. Was bleibt aber von Brecht, einem Dichter, dem die Revolution wichtiger als Menschenleben war und der gegen den blutigen Stalin nur ein wenig Dialektik ins Feld fuehrte? Es bleibt einer, der die Dramaturgie des Theaters nachhaltiger veraenderte als jeder andere europaeische Autor und der noch bis tief in die Mentalitaet und Empfindungskaelte des heutigen Theaters beherrschend wirkt.

Eine Wegscheide des Sehens, Fuehlens und Wissens

Was bleibt schliesslich von dem angeblichen Saenger des grossserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur ueberragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fuehlens und Wissens in der deutschen Literatur.

Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Groesse erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschaeftigen, sondern nur mit den richtigen. Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rueckschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietaetlos und missliebig angesehen wird.

Aber das allgemein Richtige, ein Gezuecht unserer konsensitiv geschlossenen oeffentlichkeit, ist dennoch ein am Boden schleifendes traeges Ungetuem, wie sehr es sich auch selbst gefallen mag.

Einige andere aber muessen in der Hoehe sich haerter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen.

Text: F.A.Z., 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 37

Bildmaterial: F.A.Z.-Barbara Klemm

http://www.perlentaucher.de/artikel/3135.html

Author Martin Mosebach defends Peter Handke and accuses the

politicians and diplomats who egged Milosovic on in the Bosnian war.

The feuilletons take up the Sabrow Commission/s report on how to

portray life in communist East Germany. Rights activist Richard

Schroeder says Germany needs a merry monument. The SZ looks into

reports that Adolf Eichmann/s whereabouts were known long before his

abduction. And Elfriede Jelinek admits she/s not intelligent enough

for football.

http://www.signandsight.com/intodaysfeuilletons/796.html

http://www.swans.com/

http://www.swans.com/library/art12/ga209.html

http://heinrich-heine-gesellschaft.de/aktuelles.html


 

Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen

In der eher klaeglich verlaufenden Debatte um die diesjaehrige Verleihung des Heinrich-Heine-Preises aeussert sich der umstrittene Autor nun selber: Hier die Stellungnahme von Peter Handke zu den Vorwuerfen gegen seine proserbischen Positionen.

Am 20. Mai war Peter Handke der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Duesseldorf zugesprochen worden. Am Dienstag haben die Fraktionen des Stadtrats nach Protesten wegen Handkes pro-serbischer Haltung angekuendigt, das Preisgeld zu verweigern.

Ich muss ernsthaft sein und ruhig antworten auf die Vorwuerfe, die mir seit vielen Jahren und jetzt wieder, nach der Zusprechung (und der angedrohten Nicht-Vergabe) des Heinrich-Heine-Preises entgegengehalten werden. Ich muss es fuer die Leser tun, fuer die redlichen Leser — uebrigens eine Tautologie, denn ein unredlicher oder voreingenommener Leser ist nie ein Leser.

Ballern mit Wortgeschossen

Also: Hoeren wir einander endlich an, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und -zuheulen. Und tolerieren wir die boesen Wesen (?) oder Geister (?) nicht mehr, die im Zusammenhang mit dem tragischen Jugoslawien-Problem weiterhin mit Wort-Geschossen wie =Revisionismus=, =Apartheid=, =Hitler=, =blutige Diktatur= etc. ballern. Lassen wir, was die Kriege in Jugoslawien angeht, alle Vergleiche und alle Parallelen sein.

Vielleicht irre ich mich in den juristischen Termini: aber die schreckliche Antwort, die abscheuliche Rache der serbischen Streitkraefte (nicht nur fuer die Morde in Kravica, sondern auch fuer die waehrend dreieinhalb Jahren in circa dreissig Doerfern um das muslimische Srebrenica begangenen Verbrechen) ist, da sie sich ausschliesslich gegen Soldaten und/oder muslimische Maenner richtete, als =Verbrechen gegen die Menschlichkeit= zu bezeichnen: Nuance, die, Ausnahme unter den sonst so wichtigen =Nuancen=!, fast nicht zaehlt angesichts von Tausenden und Abertausenden bosno-serbischen Verbrechen, ja und ja, gegen die Menschlichkeit.

Und davon abgesehen – und das ist es, was die Leser in ihren Herzen endlich verstehen muessen – sind die Zahlen der jungen und weniger jungen Toten in den bosnischen Kriegen auf allen Seiten, bei den Muslimen, den Kroaten, den Serben, fast auf gleicher Hoehe – warum nicht auch einmal den Friedhof von Visegrad besuchen, den riesigen Friedhof von Vlasenica?

Und vor allem, ich wiederhole es voller Trauer: Ich wollte nie sagen, und habe an keiner Stelle gesagt, das Massaker von Kravica sei =der einzige Genozid= in Bosnien gewesen, sondern ein Verbrechen, auf das dieses Wort zutrifft – es gab andere bosno-serbische, muslimische, kroatische Massaker, die mit diesem Terminus bezeichnet werden koennen.

IBleiben wir bei den Tatsachen eines von einem unredlichen oder wenigstens unwissenden Europa angezettelten oder wenigstens koproduzierten Buergerkriegs, die auf allen Seiten schrecklich sind. Hoeren wir auf, Slobodan Milosevic mit Hitler zu vergleichen.

Hoeren wir auf, in ihm und seiner Frau Mira Markovic Macbeth und seine Lady zu sehen oder Parallelen zwischen dem Paar und dem Diktator Ceausescu und seiner Frau Elena zu ziehen. Und verwenden wir nie mehr fuer die waehrend des Sezessionskriegs in Jugoslawien eingerichteten Lager das Wort =Konzentrationslager=.

Wahr ist: Es gab zwischen 1992 und 1995 auf dem Gebiet der jugoslawischen Republiken, vor allem in Bosnien, Gefangenenlager, und es wurde in ihnen gehungert, gefoltert und gemordet. Aber hoeren wir auf, diese Lager in unseren Koepfen mechanisch mit den Bosno-Serben zu verbinden: Es gab auch kroatische und muslimische Lager, und die dort und dort begangenen Verbrechen werden im Tribunal von Den Haag geahndet.

Ich wiederhole voller Wut

Und hoeren wir schliesslich auf, die Massaker (unter denen, im Plural, diejenigen von Srebrenica im Juli 1995 tatsaechlich bei weitem die abscheulichsten sind) dem serbischen (Para)-Militaer zuzuschreiben. Ich wiederhole aber, wuetend, wiederhole voller Wut auf die serbischen Verbrecher, Kommandanten, Planer: Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste =Verbrechen gegen die Menschlichkeit=, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde.

ahr ist: Ich war im Juni 1996 zum ersten Mal (und danach noch um die zehn Mal) in Srebrenica und in den ebenfalls zerstoerten serbischen Doerfern ringsum, und habe danach ein kleines Buch geschrieben (=Sommerlicher Nachtrag zu einer Winterlichen Reise=). Wahr ist, dass ich in diesem Nachtrag auch von den bluehenden Baeumen erzaehle, von den Erdbeeren auf den Huegeln um Srebrenica, aber natuerlich (entschuldige, Leser, dass ich mich erklaere, aber die Beschreibung dieser Natur wird mir immer wieder vorgeworfen), um die furchtbare Zerstoerung in und um Srebrenica und die Todesstille noch spuerbarer zu machen.

Und der Kern des Nachtrags: die endlosen Schreie eines serbischen Mannes aus Srebrenica, der, zwischen den Ruinen, am Sommerabend (Schwalben!) zu seinem Haus (?) zurueckkehrt (?) und auf dem Weg gegen sein eigenes Volk anbruellt, sein Volk verflucht und verflucht, und am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen vor lauter Wut und Schmerz.

Hoeren wir auch – endlich – den ueberlebenden der muslimischen Massaker zu, in den vielen serbischen Doerfern um das – muslimische – Srebrenica, jener in den drei Jahren vor dem Fall Srebrenicas wiederholt begangenen und von dem Stadtkommandanten befehligten Massaker, die im Juli 1995 – schreckliche Rache und ewige Schande fuer die verantwortlichen Bosno-Serben – zu dem grossen Gemetzel fuehrten, =dem groessten in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg=.

Auch andere Muetter hoeren

Fuegen wir immerhin hinzu, dass alle Soldaten oder muslimischen Maenner aus Srebrenica, die die Drina – die Grenze zwischen den beiden Staaten – ueberquerten und aus Bosnien in das damals von Milosevic regierte Serbien flohen, dass all diese Soldaten, die in dem =feindlichen= Serbien ankamen, heil blieben – hier, kein Gemetzel, keine Massaker.

Ja, hoeren wir, nachdem wir =die Muetter von Srebrenica= gehoert haben, auch die Muetter, oder auch nur eine Mutter des nahe gelegenen serbischen Dorfes Kravica, wenn sie von dem an der orthodoxen Weihnacht 1992/1993 von den muslimischen Streitkraeften Srebrenicas begangenen Massaker erzaehlt, dem auch Frauen und Kinder zum Opfer fielen (und nur fuer ein solches Verbrechen trifft das Wort =Genozid= zu).

Ich konnte nicht glauben, eine derartige Dummheit tatsaechlich ausgesprochen zu haben

Und hoeren wir auf, die =Sniper= von Sarajewo blindlings mit den =Serben= zu verbinden: Die meisten der in Sarajewo getoeteten franzoesischen Blauhelme sind Opfer muslimischer Schuetzen geworden. Und hoeren wir auf, die (furchtbare, dumme, unverstaendliche) Belagerung Sarajewos ausschliesslich mit der bosno-serbischen Armee in Verbindung zu bringen: Im Sarajewo der Jahre 1992 bis 1995 blieb die serbische Bevoelkerung zu Zehntausenden in zentralen Vierteln wie Grbavica gefangen, die ihrerseits – und wie! – von muslimischen Streitkraeften belagert wurden. Und hoeren wir auf, die Vergewaltigungen ausschliesslich den Serben zuzuschreiben. Und hoeren wir auf mit Worten à la Pawlowscher Hund.

Waehrend der Vorbereitungen des Nato-Kriegs gegen Jugoslawien war ich mehrfach in Rambouillet, und am Ende, angesichts des voraussehbaren Scheiterns der =Verhandlungen=, des westlichen Diktats, von einem Belgrader Fernsehsender befragt, habe ich das serbische Volk (in meinem Herzen die Bombardierung, die Besatzung und die Lager, vor allem Jasenovac, das Nazi-Kroatien unter der deutschen Besatzung in Jugoslawien 1941 bis 1944) mit dem juedischen Volk verglichen. Und da, in meiner, glaub/ mir, Leser, Leserin, Not, in dem Durcheinander in meinem Kopf, habe ich tatsaechlich einen Satz gesagt, der in etwa lautete =die Serben sind noch groessere Opfer als die Juden...=

Von den deutschen Medien spaeter darauf angesprochen, konnte ich nicht glauben, eine derartige Dummheit tatsaechlich ausgesprochen zu haben — zumal diese Dummheit ueberhaupt nicht zu meinem Gefuehl im Moment des auf Franzoesisch vor der Kamera abgegebenen Statements passte. Unglaeubig hoerte ich das Tonband an — und, indeed, ich hatte auf laecherliche Weise die Worte verwechselt. Aber Achtung! Ich habe mich sofort schriftlich korrigiert — und die deutschen Medien haben meine Korrektur veroeffentlicht — die Frankfurter Allgemeine Zeitung Wort fuer Wort — ohne jeden Kommentar — die schriftliche Richtigstellung meiner Verwechslung wurde damals akzeptiert. Warum jetzt nicht mehr?

Zu meiner Mini-Rede veranlasst

Ja, und ich war in Pozarevac, bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic. Warum, habe ich im Focus vom 27. Maerz 2006 erklaert: Es war die Sprache, die mich auf den Weg brachte, die Sprache einer so genannten Welt, die die Wahrheit wusste ueber diesen =Schlaechter= und =zweifellos= schuldigen =Diktator=, dem noch sein Tod zur Schuld gereichen sollte, weil er sich =vor dem Schuldspruch, ohne Zweifel lebenslaenglich, weggestohlen= habe – warum, fragte ich, bedurfte es da noch eines Gerichtes, um ihn schuldig zu sprechen?

Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac – in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalitaet zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalitaet zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache.

Verbreitern wir die oeffnung. Auf dass die Bresche nie wieder von schlimmen oder vergifteten Worten verstopft werde. Hinaus boese Geister. Verlasst endlich die Sprache. Lernen wir die Kunst des Fragens, reisen wir ins sonore Land, im Namen Jugoslawiens, im Namen eines anderen Europas. Es lebe Europa. Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija.

Der Text ist eine vom Autor bearbeitete, veraenderte und ergaenzte Fassung zweier Artikel, die in der franzoesischen Tageszeitung Libération erschienen sind und von Anne Weber aus dem Franzoesischen ueber setzt wurden.

Screen Shot: Project BOB


http://perso.orange.fr/calounet/biographies/handke_biographie.htm

http://twylyfe.kultur.at/log/set15/log726.htm

http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/

Aus gegebenem Anlass, aber ich habe ihn nicht gegeben, ich habe ja nichts zu geben, und ich habe nichts zuzugeben

(Handke/Heine)

Was soll man sagen? Ich ueberlege, was ich zu Handke sagen koennte, waehrend das Geheul und Gebell rundherum anschwillt. Ich bin versucht damit anzufangen, dass ich politisch in Bezug auf Serbien nicht seiner Meinung bin, dass ich das Eingreifen fremder Maechte bei drohendem Voelkermord, den ich damals am Balkan gesehen hatte, auch voelkerrechtlich gedeckt fand und immer noch finde, aber schon das ist eine Falle, in die ich nicht laufen muesste, nicht einmal duerfte. Ich muss meine politische Position nicht darlegen, um meine Besorgnis ueber die wachsende hysterische Hetze gegen einen Dichter artikulieren zu duerfen. Auch sollte ich nicht eigens drauf hinweisen muessen, dass ich nicht seiner Meinung bin, aber, nein, sterben wuerde ich fuer seine Meinung nicht, das muss nicht sein, es sterben schon viel zuviele, aber dass ich jedenfalls alles taete, damit er diese Meinung aeussern darf. Ich muss auch nicht darauf hinweisen, wie oft Heine seine politische Meinung veroeffentlicht – und wieder geaendert - hat, mit grosser Leidenschaft, und darauf kommt es an. Er hat den Kommunismus begruesst, im Wissen, dass Leute wie er (und ihre Werke) die Ersten waeren, die ihm zum Opfer fallen wuerden. Also da gibt es im Schreiben immer das Trotzdem. Und das Dazwischen. Und dort hinein haben wir uns zu begeben, auch wenn es dort eng wird. Indem wir erkennen, was fuer jeden einzelnen von uns notwendig ist zu sagen. Aber soll nicht mehr drin sein als das zu bejahen, was allgemein Konsens ist, das, was doch nicht zu aendern ist (=gluecklich ist, wer vergisst!=) einfach zu uebernehmen? Was waere das fuer ein Denken, ich meine ein Fortdenken im Hinblick auf das Hinschreiben, das nur im Hinblick auf ein feststehendes Ergebnis denkt und schreibt und nicht dagegen? Dagegen auch, wenn es weiss, dass es vielleicht falsch ist? Das, was von der Allgemeinheit gesagt wird und also gesagt werden muss (der beruehmte Konsens ueber etwas), laesst dem Dichter keine Moeglichkeit mehr uebrig, etwas zu sagen, da alles schon ausgerechnet, zusammenaddiert und saldiert ist. Das, was allgemein und der Allgemeinheit (und die Gemeinheit bereits enthaelt) gesagt werden muss, entscheidet nicht darueber, ob einem Dichter etwas zu sagen noetig scheint, und waere es das absolut Unnoetige, ueberfluessige, Sinnlose. Der Dichter hat, was er zu sagen hat, zu sagen, weil es ihm notwendig ist, es zu sagen, aber er hat nicht das Notwendige zu sagen, sonst haette er gar nichts mehr zu sagen. Sonst haette er nur noch zu erledigen, was erledigt werden muss. Das ist zuwenig.

So, und jetzt darf ich mich endlich Handke und seiner Stellungnahme anschliessen, die Luegen und Halbwahrheiten von der Rechnung abziehen (die rote Rose auf Milosevics Sarg – also wirklich! Vielleicht macht man aus ihm noch einen Sargspringer wie in der grossartigen US-Familienserie =six feet under=!), die laengst getaetigten Klarstellungen noch einmal vom tiefen ins seichte Wasser ziehen, damit man sie genauer sieht (Handke hat das alles selber laengst richtiggestellt, vor allem den entsetzlichen Vergleich des Schicksals der Serben mit der Vernichtung der Juden), das haette man alles laengst nachlesen koennen. Was an dem, was er geschrieben hat, richtigzustellen ist, ist nichts, denn er darf alles schreiben. Was an dem, was er gesagt hat, richtigzustellen war, hat er getan. Mich hat immer gewundert und auch geaergert, dass Handkes Schluesselstueck ueber das ehemalige Jugoslawien, =die Fahrt im Einbaum=, in der Debatte kaum je erwaehnt worden ist. Ich habe das Stueck gelesen und die Auffuehrung in Wien (in der Regie Claus Peymanns) gesehen: In diesem Stueck ist doch alles drin. Es ist doch alles gesagt. Da steht es ja. Es ist mehr (und gleichzeitig weniger) als alles gesagt.

Der Dichter sagt alles, indem er nicht alles sagt, und gerade darin ist alles gesagt. So kann ich mit Handke nur das Mindeste erwarten, was zu erwarten ist, naemlich moeglichst alles zu lesen, was er in den letzten Jahren zum Balkankonflikt und seinen blutigen Kriegen, Nachbar gegen Nachbarn, geschrieben hat. Lesen und dann reden, aber nicht hetzen. Sonst wagt man sich zu weit vor, und dann haben sogar die Hunde, die treuen, einen verlassen (ihr klagendes Gebell hoert man allerdings noch lang), und die guten Geister verlassen einen auch irgendwann, und dann wird es nur noch geistlos.

30.5.2006

Darf gross irren, wer gross dichtet?

Peter Handke ist kein Einzelfall. Immer wieder haben sich Schriftsteller politisch verrannt. Dennoch erwartet die oeffentlichkeit von ihnen eine hoehere Wahrheit. Warum nur? Von Ulrich Greiner

Foto: dpa

Wer gross denkt, muss gross irren=, hat der Philosoph Martin Heidegger gesagt, als man ihm seine Verstrickung in den Nationalsozialismus vorhielt. Der Satz, anstatt Reue zu zeigen, verraet herrischen Hochmut. Zugleich beschreibt er ein Dilemma, dem nicht wenige Dichter und Denker erlegen sind. Wer sich gedanklich in den Bahnen des moralisch und politisch Gebotenen bewegt, ist weniger irrtumsanfaellig als der grosse Denker, dessen Groesse eben darin besteht, dass er das Gehege der praktischen Vernunft und der gesellschaftlichen uebereinstimmung verlaesst, um an den Raendern der Existenz Position zu beziehen. Er gleicht Caspar David Friedrichs Wanderer im Nebelmeer, der von seiner Felsspitze hinab etwas sieht, was wir nicht sehen. Dass er abstuerzen koennte, ist gut moeglich.

Peter Handke, der zu den ausserordentlichen Schriftstellern deutscher Sprache zaehlt, ist ein Wanderer im Unwegsamen, im woertlichen wie im uebertragenen Sinn. Und wie bei den meisten grossen Dichtern ist sein gelegentliches Straucheln oder gar Stuerzen nur die andere Seite verwegener Erkundungen. Wer seine Buecher gelesen hat, ist durch eine Schule des Wahrnehmens gegangen, wie sie schoener, anschaulicher nicht zu finden ist. In seinem Schreiben gewinnt die vernutzte und verschmutzte Sprache wieder einen reinen Klang, der uns, den zumeist gedankenlos Sprechenden, ungewohnt oder fremdartig erscheinen mag.

Der Bilderflut das eigene Bild, der Formlosigkeit die eigene Form entgegenzusetzen ist Handkes Ziel. Er spricht vom =Gesetz=. Als Motto seines Dramas Zuruestungen fuer die Unsterblichkeit (1997) verwendet er eine Passage aus dem Deuteronomium:=Das Gesetz, das ich dir gebe, geht nicht ueber deine Mittel. Es ist nicht in den Himmeln. Es ist nicht jenseits der Meere. Das Gesetzeswort ist ganz nah bei dir. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, damit du es umsetzt in die Tat.=

Seit alters wohnen die Dichter nahe beim Wahnsinn

Diese Vorstellung ist auch Botho Strauss, dem anderen grossen Aussenseiter unseres literarischen Betriebs, sehr vertraut, und das ist sicherlich der Grund, weshalb er im Streit um die Frage, ob Handke den Heinrich-Heine-Preis verdient hat und ob das Votum der Jury, ihn damit auszuzeichnen, gelten soll, fuer Handke Partei ergriffen hat. In einem Beitrag fuer die FAZ stellt er Handke in eine Reihe mit Carl Schmitt, Ezra Pound, Heidegger und Brecht. Deren politisch-moralische Verfehlungen (also auch Handkes Eintreten fuer Slobodan Miloševi

ć) erscheinen Botho Strauss geringfuegig im Vergleich zu den denkerischen und literarischen Leistungen, die sie uns hinterlassen haben. Wer Handke kennt, wird erstaunt sein, ihn in diesem Zusammenhang betrachtet zu sehen. Wahr ist aber leider, dass ihn sein proserbischer Furor in der gegenwaertigen Debatte zu einer Persona non grata gemacht hat, die jeder Unkundige glaubt attackieren zu duerfen.

Botho Strauss sagt:

=Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Groesse erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschaeftigen. = Er sieht also im grossen Irren nicht allein den bedauerlichen Fehlgang grossen Denkens, sondern geradezu dessen Bedingung.

Der Gedanke ist weniger abwegig, als er zunaechst erscheint. Wenn wir auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts blicken, dann ist die Liste der Schriftsteller, die sich auf sie eingelassen haben, erstaunlich lang. Knut Hamsun, einer der grossartigsten Erzaehler der Moderne, hat fuer Hitler Partei ergriffen; Ezra Pound, eine gewaltige Stimme im Strom der Poesie, fuer Mussolini. Gottfried Benn, Heimito von Doderer haben mit den Nazis sympathisiert. Brecht hat in der beruechtigten Massnahme die Opferung des Individuums fuer das kommunistische Projekt plausibel gemacht. Lion Feuchtwanger hat, waehrend die Moskauer Prozesse tobten, das Loblied der Sowjetunion gesungen.

Und wenn wir einen Schritt weiter zuruecktreten, dann sehen wir Baudelaire und Mallarmé als Denker des Exzesses, Edgar Allan Poe als den Erforscher des Wahnsinns, sehen den Menschenhass bei Flaubert oder Robinson Jeffers, den Antisemitismus bei Céline oder Richard Wagner, wir erschrecken vor den Gewaltfantasien Kleists in der Penthesilea oder Kafkas in der Strafkolonie.

Das politisch und moralisch Bekoemmliche ist in der Regel nicht der Ort, wo grosse Geister sich aufhalten. Das ist nichts Neues. Umso erstaunlicher aber, dass die oeffentlichkeit ihre Naehe, ihren Rat immerzu sucht. Warum werden Schriftsteller, von Hause aus unzuverlaessige Kandidaten, zu allem Moeglichen befragt? Warum haelt man sie in fundamentalen Fragen fuer kompetenter als Taxifahrer oder Apotheker? Eben deshalb, weil wir ahnen, dass sie sich in jenen Abgruenden auskennen, deren Existenz uns zuweilen unangenehm bewusst wird. Die Rationalitaet unserer Selbstwahrnehmung und Selbstorganisation wird erschuettert, wenn das Ungeheuerliche – Mord, Kannibalismus, Genozid – brutal vor Augen tritt. Dann wollen wir wissen, woher das kommt. Dann richtet sich unser Blick auf die Dichter, die seit alters nahe beim Wahnsinn wohnen.

In der ersten Szene von Buechners Drama ueber die Franzoesische Revolution Dantons Tod (1835) sagt Julie:

=Du kennst mich, Danton. = Und der entgegnet: =Ja, was man so kennen heisst. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieb Georg. Aber (er deutet ihr auf Stirn und Augen) da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir muessten uns die Schaedeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren. =

Im Dschungel des Menschlichen gibt es keine Wegweiser. Wer sich hineinbegibt, kann darin umkommen. Und nicht selten ist er dann in der Wahl seines Weges nicht mehr frei. Denn das entfesselte, von Konventionen befreite Denken stoesst von selber vor ins Niemandsland des Denkbaren – so wie die legendaeren Entdecker in See stachen, ohne zu wissen, ob und wo sie je ankaemen.

Dass die Literatur in ihren groessten Augenblicken Expeditionen gleicht, deren Ergebnis dem Konsens nicht entspricht, koennten wir eigentlich wissen, und doch gibt sich die oeffentlichkeit immer wieder empoert, wenn sie im Werk bekannter Autoren das Unzutraegliche, das Unheimliche entdeckt. Das ist der Grund, weshalb jene Schriftsteller, die Guenter Grass einmal

=Unterschriftsteller= genannt hat, weil sie gerne unter Aufrufe ihre Unterschrift setzen, hohes Ansehen geniessen. Jede Redaktion kann sie jederzeit anrufen und wird ihren Beitrag zur aktuellen Frage puenktlich erhalten.

Insofern nimmt es nicht wunder, dass jetzt, wie in einem Reflex, viele dieser Autoren Kritik an Handke und der Preisvergabe ueben, waehrend sie doch im Sinne ihres Auftrags, naemlich dem herrschenden Diskurs zu widerstehen, eigentlich haetten sprechen muessen. Sie haben eingestimmt (um den absichtsvoll haesslichen Sprachgebrauch von Botho Strauss aufzunehmen) ins

=allgemein Richtige – ein Gezuecht unserer konsensitiv geschlossenen oeffentlichkeit= . Und wenn er hinzufuegt: =Einige andere muessen sich in der Hoehe haerter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen =, dann bricht sich hier der Wunsch nach einer Gefahr Bahn, von der wir nicht wissen, ob ihr das Rettende zuwaechst.

Der Verrat des Intellektuellen beginnt, sobald er nach der Macht greift

Unweigerlich stellt sich also die Frage nach der Verantwortung der Intellektuellen. Das einmal Gedachte, Geschriebene und Veroeffentlichte nimmt seinen Weg in die Welt und saet sich aus. Die Scheidelinie ist dort, wo sie der franzoesische Schriftsteller Julien Benda in seiner beruehmten Schrift Der Verrat der Intellektuellen (1927) gezogen hat: Sie wird ueberschritten, wenn der Intellektuelle politische Handlungsmacht erwirken will und gewinnt. Da beginnt die Verantwortung, und deshalb haben Schmitt oder Heidegger oder Benn Rechenschaft ablegen muessen. Gerechtigkeit hat es hier nicht gegeben, was besonders fuer jene gilt, die dem kommunistischen Terror gedient haben. Sie wurden vergleichsweise milde beurteilt.

Die Gedanken aber sind frei. Auch ihre Veroeffentlichung ist es, darauf muss man bestehen, weil sonst die Gesinnungspolizei freie Bahn haette. Der in der damaligen RAF- und Sympathisantendebatte ins Feld gefuehrte Begriff des Schreibtischtaeters ist irrig, weil alles, was gedacht werden kann, irgendwann auch gedacht wird. Intellektuelle, und Schriftsteller insbesondere, tun generell gut daran, von dem Versuch abzulassen, in die Befehlszentralen vorzudringen. Platons Politeia, wo die Philosophen Koenige werden, ist nicht umsonst Utopie.

Auch deshalb ist die Reihe, in die Botho Strauss seinen Kollegen Handke stellt, ueberaus fragwuerdig. Denn Carl Schmitt und Martin Heidegger haben politische Wirkungskraft im Dienste der Nazis gewollt und zeitweise auch gehabt. Ezra Pound und Knut Hamsun haben sie vielleicht gewollt, aber nicht erhalten. Fuer Peter Handke gilt, dass er seine proserbischen Texte auf eigenes Risiko geschrieben hat, zunaechst klagend und fragend, dann die in seinen Augen einseitig unterrichtenden Medien anklagend. Er handelte als Einzelgaenger, ohne Buendnispartner, vollkommen unstrategisch, unvernuenftig, sich selber am meisten schadend.

Die meistgelesenen Artikel des Tages

Erkenn

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Wir waren ein Einwanderungsland

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Tod eines Schlaechters

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In seinem Gespraech mit der ZEIT (Nr. 6/2006) spricht Handke von der

=anderen Geschichte = und bezeichnet sie als =die Historie der Farben, des Versmasses, der Formen – japanischer Tuschzeichnungen etwa oder romanischer Skulpturen, auch des Geschichtenerzaehlens. Das ist nicht zu realisieren, ausser eben im poetischen Machen. = Frage: =Ist Ihnen das einmal gelungen? = Handke: =Ich erzaehle davon. Darauf geht alles hin, was ich schreibe. Es ist nicht nur Utopie, es ist auch real, das Realste ueberhaupt. Es ist ein Vorschlag, ein Traum von Geschichte. Sonst gaebe es ja auch die Evangelien nicht, gaebe es das Buch Hiob nicht, wenn das Erzaehlen nicht auf eine andere Welt zuginge, auf eine Hinterwelt im besseren Sinne, wie eine Hinterglasmalerei. =

Dies Wort in Handkes Ohr. Was immer seine Verfehlungen im jugoslawischen Tohuwabohu gewesen sein moegen: Wir sollten ihn loben fuer das, was er uns von seinen Expeditionen in die Laender des Himmels und der Erde mitgebracht hat, und ob er dafuer den Heine-Preis bekommt, ist am Ende vollkommen gleichgueltig. Sollen doch die Duesseldorfer Gremien samt Buergermeister und Jury, die sich hinreichend blamiert haben, selber sehen, wo sie nun bleiben.

Seit 1972 verleiht die Stadt Duesseldorf einen Kulturpreis zu Ehren Heinrich Heines. Eine unabhaengige Jury waehlte als Preistraeger 2006 Peter Handke. Weil der im Jugoslawien-Krieg mehrfach die Partei der Serben ergriffen und juengst an der Beerdigung von Slobodan Milošević teilgenommen hat, will eine Mehrheit im Rat der Stadt gegen die Auszeichnung des oesterreichischen Dichters stimmen. Daraufhin erklaerten bereits zwei Mitglieder der Jury ihren Ruecktritt. Eine endgueltige Entscheidung ueber die Preisvergabe soll am 22. Juni fallen.

copyright DIE ZEIT, 08.06.2006

leser-kommentare (7)

= Von mikerol Es gibt verschiedene Handkes..

Als ehemaliger Handke uebersetzer, jetzt Handke

=Kenner= , oft Bewunderer,von seinem Werk geistig = genaehrt= in den letzten zwanzig Jahren wie von keinem anderen i =

Von Colon Darf irren, gross streichen

Mutig abwaegend haben Sie, Herr Greiner, alles Notwendige gesagt. - Gehoert dazu heute schon Mut? Ich fuerchte ein wenig, ja.

=

Von Keetenheuve Wer irrt denn?

Der Artikel suggeriert, Handke irre

=gross= . Wer sagt das denn? Wer bestimmt das? Wer legt das fest? Herr Greiner bleibt die Erklaerung schuldig. =

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 Verbrecher verstehen zu wollen

Der Kuenstler Handke erhebt seine Stimme fuer einen Verfemten. Damit rettet er die Zunft der Schriftsteller Von Martin Mosebach

Bei der heftigen Kritik an Peter Handkes Bekenntnis zu dem toten serbischen Kriegsherrn Milošević faellt auf, wie wenig die politischen und historischen Grundlagen dieser Parteinahme in Deutschland bekannt sind. In Deutschland interessiert man sich nicht besonders fuer oesterreich. Man hat vergessen, dass ein grosser Teil des Balkans fuer Hunderte von Jahren Teil der Habsburger Monarchie war. Fuer die Siegermaechte in Versailles bestand der Hauptgrund fuer die Schaffung eines kuenstlichen, unhistorischen Staates Jugoslawien in der dadurch notwendigen Zerschlagung der Donau-Monarchie. Jugoslawien war das gegen oesterreich gegruendete Land, das dessen imperialen Anspruch fuer immer vernichten sollte. Damit wurde Jugoslawien gleichsam zum Realsymbol aller Kraefte, die dem alten oesterreich, seiner Kultur, seiner historischen Tradition, seiner geistigen Atmosphaere, feindlich gesinnt waren und sind. Diese Feindseligkeit blueht, wie koennte es achtzig Jahre nach dem Untergang der Donau-Monarchie auch anders sein, vor allem in oesterreich selbst. Die gesamte oesterreichische Autorenprominenz pflegt den oesterreichischen Selbsthass, manche davon eher kokettierend, Handke gewiss mit toedlichem Ernst. Gehoert der Selbsthass auch zur Psychopathologie eines Volkes, kann er kuenstlerisch doch interessantere Fruechte bringen als die Selbstverliebtheit.

Dass es Serbiens heilige Sendung sei, oesterreichische und dahinter auch deutsche Machtansprueche auf dem Balkan in die Schranken zu weisen, war darueber hinaus sehr lange wohlgehegte Doktrin der franzoesischen, englischen und nordamerikanischen Aussenpolitik. Das Gedaechtnis der oeffentlichkeit ist so kurz, dass man vergessen hat, wie lange Zeit Milošević brauchte, um seine unverbruechlichsten Verbuendeten in England und Nordamerika von sich wegzubeissen. Schade, dass der amerikanische Botschafter, der Milošević zum Bosnienkrieg ermutigte, nicht zur Beerdigung nach Belgrad gekommen ist. Ein Mann, der dem toten Milošević die Treue haelt, sollte uns jedenfalls lieber sein als die vielen Politiker des Westens, die dem lebenden Milošević seine Verbrechen moeglich gemacht haben.

Und ist nicht auch bedenklich, dass gerade diese Anwesenheit bei der Beerdigung nun so besonders verabscheuungswuerdig sein soll? Gewiss, die beruehmte Dame aus dem griechischen Theben, die den toten Staatsverbrecher gegen strenges Verbot beerdigte, ist zu lange vor Gruendung der SPD geboren worden, als dass ihr Verhalten noch Verbindlichkeit begruenden koennte. Dass die letzte Ehre, die man einem Toten erweist, niemals der Rechtfertigung bedarf, sondern einer jener axiomatischen Akte ist, die das Fundament der Humanitaet bilden, scheint bei gewissen Verteidigern der Menschenrechte nicht mehr verstanden werden zu koennen. Frueh wurde ein Grundwiderspruch der Lehre von den Menschenrechten sichtbar, naemlich dass ihre Feinde als

=Feinde des Menschengeschlechtes= geaechtet werden sollen – so wie Sarastro in der Zauberfloete singt: =Wen solche Lehren nicht erfreuen, verdienet nicht, ein Mensch zu sein.=

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Es gehoert zu den Koenigsvorrechten des Romanciers, denen, die nach allgemeiner ueberzeugung

=nicht verdienen, ein Mensch zu sein =, weil sie dies Menschsein durch ihre Taten verwirkt haben, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Was der Richter, der Politiker, der Historiker, die Feinde und Opfer zu Milošević sagen, mag gegenwaertig einem grossen A-cappella-Gesang gleichen. Fuer den Romancier ergibt sich daraus geradezu die Pflicht, den Fall von der anderen Seite zu betrachten und bis zur Unvernunft auf seinem Recht, den Staatsverbrecher Milošević verstehen zu wollen, zu beharren. Epik ist Vielstimmigkeit, kein Unisono. Der reine Boesewicht ist im Roman eine Schwaeche. Handke rettet geradezu die Ehre seiner Zunft, wenn er – von seinem Trotz und seiner Provokationslust gewiss kraeftig unterstuetzt – als Kuenstler seine Stimme fuer den Verfemten erhebt, grundsaetzlich sozusagen, einfach weil die Einhelligkeit der Verurteilung stets ein schales Gefuehl hinterlaesst. Haette Heinrich Heine die Slawen nicht so tief verachtet, haette er dem serbischen Kampf gegen die =oesterreichische Despotie= zu seiner Zeit gewiss applaudiert.

Sollte das Duesseldorfer Stadtparlament es ablehnen, Peter Handke den Heine-Preis zu verleihen, werden kuenftige Preistraeger sich sagen muessen, dass sie den Preis auch deshalb erhalten haben, weil sie mit den politischen Vorstellungen der jeweiligen Mehrheitsfraktion harmonieren. Nicht alle werden diese Vorstellung als Kompliment empfinden.

Der Schriftsteller Martin Mosebach, geboren 1951, lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien sein Roman

=Das Beben =

copyright DIE ZEIT, 08.06.2006

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Idiotie

Botho Strauss nimmt Peter Handke nicht nur in Schutz, er stilisiert ihn gar zum neuesten Maertyrer einer

=Lea-Rosh-Kultur =, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll. Ein Kommentar Von Joerg Lau

copyright Meike Gerstenberg fuer ZEIT online

Wer solche Verteidiger hat, braucht keine Anklaeger mehr: Botho Strauss nimmt seinen Schriftstellerkollegen Peter Handke in Schutz gegen die Kleingeister, die Handke wegen seiner aeusserungen zu den Kriegen in Jugoslawien den Heine-Preis nicht goennen moegen.

In der FAZ stellt Strauss Handke in eine Reihe mit Ezra Pound, dem Mussolini-Bewunderer, mit Carl Schmitt, dem Kronjuristen des Dritten Reiches, mit dem Heidegger der Rektoratsrede von 1933, und mit Bertolt Brecht, der den Massenmoerder Stalin im Namen der Dialektik in Kauf nahm.

Welch eine infame Reihung: Schmitts Beteiligung an den Nuernberger Rassegesetzen, Pounds Judenhass, Heideggers NS-Begeisterung und Brechts Inhumanitaet im Namen der marxistischen Geschichtslogik werden als bedauerliche Irrtuemer grosser Dichter und Denker in einen Sack zusammengepackt. Nebenkosten der Genialitaet, Kollateralschaeden denkerischen Eigensinns. Nachfragen unerwuenscht.

Trotz alledem bleiben, so Strauss, diese Autoren

=ueberragend", = einflussreich", =nachhaltig", =beherrschend". Und so bleibt auch der =angebliche Saenger des grossserbischen Reichs, Peter Handke (...) nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur ueberragende es sind, ein Episteme-Schaffender, eine Wegscheide des Sehens, Fuehlens und Wissens in der deutschen Literatur."

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Der

=sprachgeladenste"? Der falsche Superlativ - ausgerechnet dort, wo Handkes Sprachmacht gepriesen werden soll – ist kein Unfall. In Strauss' Text laeuft ganz grundsaetzlich etwas schief. Solch kitschiger Bombast unterlaeuft Strauss immer wieder, wenn er vom Ressentiment davongetragen wird.

=

Schuld und Irrtum" sollen wir also als =Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Groesse" erkennen. Und damit basta! Wer noch Fragen hat, sieht sich als politisch korrekter Spiesser verunglimpft, der =unserer konsensitiv geschlossenen oeffentlichkeit" das Wort redet.

In Wahrheit vertritt Strauss selbst, indem er seinen Genies einen Freibrief fuer politische Idiotie ausstellt, ein denkfaules, geistfeindliches Programm: Ich kann Pounds Bedeutung fuer die moderne Lyrik nicht verstehen, wenn ich in seinem Werk nicht den Selbsthass der Moderne in Gestalt des Antisemitismus wahrnehme. Das Gleiche gilt fuer Schmitt und Heidegger auf ihren jeweiligen Feldern: Schmitts Einsichten ueber Staatlichkeit sind mit seinem Freund-Feind-Denken erkauft. Heideggers

= Kehre" ist ohne seinen vorherigen Flirt mit dem Willen zur Macht nicht zu verstehen. Und werden die zarten Buckower Elegien nicht noch eindrucksvoller und raetselhafter vor dem Hintergrund der Menschenverachtung von Brechts stalinistischer Propaganda in der =Massnahme"?

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Und warum regen wir uns denn ueber Handkes Verkitschung des Serbentums auf, ueber sein kokettes Spiel mit Relativierungen, ueber seinen Auftritt bei der Beerdigung des Massenmoerders Milosevic? Eben weil er ein grosser Dichter ist, der uns in seinen Romanen und Tagebuechern immer wieder

=Stunden der wahren Empfindung" gewaehrt. Wenn wir den Politiker Handke angreifen, verteidigen wir den Dichter. Unterdessen hat er selber in wichtigen Punkten eingelenkt und in der Sueddeutschen Zeitung seine Haltung klargestellt.

Aber Strauss geht es, so muss man befuerchten, auch gar nicht so sehr um die Verteidigung Peter Handkes. Am Ende des Textes stilisiert er Handke zum neuesten Maertyrer (Stigmata!) einer

=Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietaetslos und missliebig angesehen wird".

Deutscher Geist steht also gegen die

= Lea-Rosh-Kultur"? Was ist die Lea-Rosh-Kultur? Das Holocaust-Mahnmal, Lea Roshs Lebenswerk, haelt es den deutschen Geist geduckt? Und wuerde demnach der aufrechte Gang bedeuten, seine hohe Stirn endlich frei zu machen von den laestigen Fragen nach Rassegesetzen und Rektoratsreden? Der deutsche Geist als national befreite Zone? Peter Handke hat es nicht verdient, dafuer in Beschlag genommen zu werden.

copyright ZEIT online 1.6.2006

leser-kommentare (25)

= Von primatenforscher Trefflich laesst sich streiten,

gerade ueber den der nicht zu Wort kommt, ob aus freien Stuecken oder von sich selbst.

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Von Schelmuffsky Die winterliche Reise revisited

Zu einer Zeit, als in Belgrad die Studenten auf die Strassen gingen, um gegen das serbische Regime zu demonstrieren und an deutschen Unis alles erbaermlich still

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Von uff Mitterlichkeit?

Ich war so still, ich wollte stiller werden. Ich wollte ganz und gar verbraucht dann sein. Allein - ich war noch zu bemerken.

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Espresso - oekologisch angebaut und fair gehandelt. tazpresso

Versuch ueber die Geister

Die Debatte um den Heine-Preis (1): Peter Handke nimmt zu den Vorwuerfen gegen ihn Stellung, setzt auf

=dritte Dinge = und hofft, =die schlimmen oder vergifteten Worte = moegen die Sprache verlassen

VON GERRIT BARTELS

Ob die Duesseldorfer Lokal- und die nordrhein-westfaelischen Landespolitiker, die die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke so selbstgewiss verhindern wollen, mit dem Lesen schon begonnen haben? Ob sie sich jetzt noch einmal von ihrer ueberzeugung abbringen lassen,

=dass fuer den Heine-Preis nicht preiswuerdig ist, wer den Holocaust relativiert= , wie das Nordrhein-Westfalens Ministerpraesident Juergen Ruettgers in einer aktuellen Fragestunde formulierte? Ob es hilft, dass Handkes Verlegerin Ulla Unseld-Berkiéwicz gedroht hat: =Wenn es nicht zu einem oeffentlichen Aufschrei fuehrt, dass einer der groessten Dichter derart geaechtet wird, ist das ein Zeichen fuer den drohenden Bankrott unserer Kultur =?

Peter Handke jedenfalls hat, nachdem er am Dienstag in der FAZ kurz richtig gestellt hatte,

=was ich nicht sagte =, gestern in der Sueddeutschen Zeitung zu den Vorwuerfen gegen seine proserbischen Positionen Stellung genommen. Darin schreibt er, nachdem er darum gebeten hat: =Hoeren wir einander endlich an, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und -zuheulen=, nachdem er darum gebeten hat, =alle Vergleiche und Parallelen